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War Entführung per Kanu überhaupt möglich?

Der Maskenmann soll eine Millionärsfamilie überfallen und einen Unternehmer entführt haben. Der Angeklagte Mario K. bestreitet das. Seine Anwälte halten die Version des Entführten für unmöglich. Deshalb drängen sie darauf, die Aussage praktisch zu überprüfen.

Mithilfe dieses Bootes soll der Täter eines seiner Opfer auf eine Insel verschleppt haben.
Patrick Pleul Mithilfe dieses Bootes soll der Täter eines seiner Opfer auf eine Insel verschleppt haben.

Kriminaltechniker Frank H. kann sich noch gut an die Situation erinnern. Am 7. Oktober 2012 hatte er mit Kollegen und dem Unternehmer Stefan T. versucht, vom Wasser aus auf eine sumpfige Schilfinsel im Storkower See zu gelangen. Dorthin soll der „Maskenmann“ den Berliner Unternehmer zwei Tage zuvor entführt haben. Das Opfer war demnach gefesselt, die Augen verklebt. „Der Weg vom Boot aus auf die Insel ist äußerst beschwerlich“, schilderte der Polizeibeamte Frank H. am Montag als Zeuge vor dem Frankfurter Landgericht.

„Man versackt beim Laufen, verliert in dem Sumpf ständig das Gleichgewicht, stürzt bis zur Brust in Wasserlöcher“, schilderte er im sogenannten Maskenmann-Prozess. Ohne fremde Hilfe eines Kollegen sei es für ihn schwierig gewesen, aus diesen Vertiefungen wieder herauszukommen, so der Kriminaltechniker. 25 bis 30 Meter müsse man so durch dieses unwegsame Gelände. „Mit verklebten Augen da durch zu laufen, stelle ich mir sehr schwierig vor“, antwortete der Zeuge auf eine Frage der Verteidigung.

Zweifel an Entführungsgeschichte des Geschäftsmannes

Die Verteidigung hat nach wie vor erhebliche Zweifel an der Entführung des Berliner Geschäftsmannes aus dessen Wochenendhaus in Storkow.

Aufgrund dieses erpresserischen Menschenraubes sowie wegen zweier Überfälle auf eine andere Millionärsfamilie in Bad Saarow muss sich der 47-jährige Mario K. seit Anfang Mai vor Gericht verantworten. Alle Taten waren von einem maskierten Täter begangen worden. Dass sich die Entführung so zugetragen hat, wie vom 53-jährigen Opfer beschrieben, stellt die Verteidigung von K. bereits seit dem Prozessauftakt Anfang Mai infrage. In der vergangenen Woche gab es nun einen neuen Vorstoß: Rechtsanwalt Axel Weimann beantragte, die Entführung und deren Bedingungen, so wie von T. geschildert, erneut zu simulieren, als Ortstermin für alle Prozessbeteiligten.

Dem Verteidiger geht es nicht nur um den Kampf durch den Sumpf, sondern auch um die Selbstbefreiung aus komplizierter Fesselung sowie um den Anfang der Entführungsstrecke. So soll der Kidnapper sein Opfer doch von der Villa des Unternehmers aus zunächst auf einer Luftmatratze über den Storkower See gezogen haben. Der „Maskenmann“ saß laut T. dabei in einem Kajak. Zwar hatte die Polizei während ihrer Ermittlungen ähnliche Rekonstruktionsversuche gemacht, die aber waren irgendwann abgebrochen worden: Das Wegschaffen des Opfers auf diese Weise wurde als zu langsam und zu kräftezehrend für den Kajak-Ruderer befunden.

Entscheidung über zweiten Ortstermin fällt erst später

Das Gericht will erst am nächsten Prozesstag, am Donnerstag, über den Antrag der Verteidigung entscheiden. Möglicherweise wird dann auch ein Knüppeldamm am Storkower See erneut unter die Lupe genommen. Auf den will Entführungsopfer T. bei seiner Flucht gestoßen sein. Angeblich konnte er sich daran orientieren, weil er den Damm vom Joggen her kannte. „Also ich würde da nicht lang joggen“, sagte hingegen der als Zeuge befragte Kriminaltechniker.

Aufgrund des rutschigen Untergrundes sei die Verletzungsgefahr viel zu groß, erklärte der Polizeibeamte, der eigenen Angaben nach selbst jahrelang in seiner Freizeit regelmäßig gejoggt war.

Unternehmer Stefan T. hatte sich nach eigenen Angaben 36 Stunden nach seiner Entführung selbst befreien können und bei seiner nächtlichen Flucht durch unwegsames Gelände keinerlei Verletzungen davon getragen. Auch der rechtsmedizinische Gutachter hatte die Schilderungen des Mannes angezweifelt. Tenor des Gutachters: Ohne Schnitte oder Schürfwunden sowie Unterkühlungen hätte er das nicht überstehen können. Doch weder Notarzt noch Polizeibeamte hatten derartiges bemerkt. Auch um diesen Umstand dürfte es der Verteidigung bei der beantragten Nachstellung der Entführung gehen.