Projekt in Guben:

Wie eine Stadt Kriminellen zu Leibe rückt

Ob Diebstahl oder Einbruch – das kommt in der Grenzregion leider häufig vor. Dem Rathauschef von Guben reicht es. Jetzt schickt er seine Mitarbeiter auf die Straße.

Stadtwächter ist Sebastian Schwitzke nur nebenbei. Sonst ist er Sachbereichsleiter Brandschutz.
Patrick Pleul Stadtwächter ist Sebastian Schwitzke nur nebenbei. Sonst ist er Sachbereichsleiter Brandschutz.

Ihre signalgelben Warnwesten sind nicht zu übersehen. Ihre Basecaps tragen die Aufschrift „Stadtwache Guben“. „Plötzlich auftauchen und Kriminelle verschrecken“, so beschreibt Sebastian Schwitzke kurz und bündig seinen neuen Auftrag. Er ist im Hauptjob Sachbereichsleiter Brandschutz in der Stadt Guben und gehört zu insgesamt 24 Mitarbeitern aus dem Rathaus, die sich freiwillig als Stadtwächter gemeldet haben – und seit Mittwoch unterwegs sind. Zur Ausstattung der durchaus nicht unumstrittenen Streifen gehören nur die Weste, die Kappen sowie Taschenlampe und Handy.

Für den amtierenden Bürgermeister Fred Mahro ist oberste Maxime: Weder Leib noch Leben dürfen riskiert werden. „Im Zweifel muss die Polizei gerufen werden“, betont er. Weil die Sorgen der Bürger über Autodiebstähle, Laubeneinbrüche und Taschendiebstähle groß sind, habe er sich in einem persönlichen Appell an seine Mitarbeiter gewandt, berichtet Mahro. Zwei Dutzend Freiwillige aus allen Bereichen des Rathauses meldeten sich für das in Brandenburg einzigartige Projekt.

Beim Deutschen Städte- und Gemeindebund wird das Vorhaben vorsichtig bewertet. Polizeiarbeit müsse von der Polizei gemacht werden, heißt es. Harsche Kritik gibt es hingegen von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, die von der zweifelhaften Organisation einer Art Bürgerwehr unter Missbrauch städtischer Beschäftigter spricht.

Größere Aufgaben bleiben bei der Polizei

„Die Stadtwache übernimmt keine hoheitlichen Aufgaben der Polizei“, stellt Bürgermeister Mahro klar und weist den Begriff der Bürgerwehr zurück. Gäbe es mehr Polizisten, wäre man nie auf die Idee gekommen. „Wir wollen nicht mehr nur ohnmächtig auf das Problem schauen“, sagt der Kommunalpolitiker.

Etwa alle sechs Wochen ist jeder Freiwillige für etwa zwei Stunden an der Reihe. Der Einsatz gilt als Arbeitszeit, die Mitarbeiter sind damit versichert. Die Polizei schult die Stadtwächter. Auch der Ordnungsamtsleiter Uwe Schulz gehört mit zum Team. „Die Reaktionen sind durchweg positiv“, sagt er. „Bürger freuen sich, dass wir Präsenz zeigen.“ Kritik gebe es nur an fehlenden Polizisten.

Vier Streifenwagen in der Stadt

Nach Angaben des Brandenburger Innenministeriums ist bereits im Sommer die Polizeipräsenz in Guben aufgestockt worden. Vier Streifenwagen fahren rund um die Uhr durch die
18 000 Einwohner zählende Stadt. Derzeit gibt es etwa 70 Sicherheitspartnerschaften im Land, in denen sich rund 440 Bürger engagieren. „Sie sind keine Hilfspolizisten und tragen keine Waffen“, sagte die stellvertretende Sprecherin des Ministeriums, Susann Fischer. Grundsätzlich sei jede Initiative von Kommunen zur Erhöhung des Sicherheitsgefühls der Bürger zu begrüßen. Das habe abschreckende und damit zugleich präventive Wirkung.

Bundesweit werde in einigen Kommunen überlegt, offiziell Bürger Streife gehen zu lassen, sagt Ulrich Mohn vom Deutschen Städte- und Gemeindebund. „Die Polizei darf aber nicht aus der Verantwortung entlassen werden“, betont er.

Polnische Nachbarstadt begrüßt die Stadtwache

Auch auf polnischer Seite wird die Stadtwache in Guben positiv aufgenommen. Jede Aktion, mit der für mehr Sicherheit in der Stadt gesorgt werde, sei zu begrüßen, sagt der Bürgermeister vom polnischen Gubin, Bartlomiej Bartczak. „Allerdings sind die Möglichkeiten der Kommune beschränkt“, sagt er. Wichtig wäre noch mehr Polizeipräsenz: „Als Abschreckungsmaßnahme“, so Bartczak.

Zum Jahreswechsel will Bürgermeister Mahro Bilanz ziehen, was das Projekt gebracht hat und ob der Erfolg überhaupt messbar ist. Auch er hat sich freiwillig gemeldet und wird ganz persönlich die gelbe Weste überziehen. Seinen Einsatztag will er allerdings nicht verraten. „Wir kündigen die Streifen nicht an. Dann wäre es keine Überraschung mehr.“

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