
| Gedenkstätten |
von Mathias Greisert
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Nach einer guten Stunde verlassen die Unruhestifter aus den hinteren Reihen endlich den Raum. Knapp zehn Minuten hatten die rund 60 Zehntklässler aus Wittstock/Dosse den Film über einen Überlebenden der sogenannten Todesmärsche aufmerksam verfolgt, dann war es in den hinteren Reihen immer lauter geworden.
Mehrfach hatten Gedenkstättenleiterin Carmen Lange und der Schulsozialarbeiter Bodo Haneld die Jugendlichen aufgefordert, Rücksicht auf die Mitschüler zu nehmen, die den Film sehen möchten, und gegebenenfalls lieber rauszugehen.
Lehrerin ist Benehmen der Schüler peinlich
Auch auf die letzte halbe Stunde der Lebensgeschichte des Zeitzeugen kann sich keiner konzentrieren, weil sie sich nicht geschlossen, sondern im Abstand von ein paar Minuten einzeln auf den Weg machen. Einer Lehrerin ist dieses Benehmen der Schüler peinlich.
„Denken Sie aber bitte nicht, dass uns das Schicksal der KZ-Häftlinge egal ist“, sagt Nick, einer der ersten „Bildungsverweigerer“. Alle hätten sich schon im Unterricht intensiv mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandergesetzt und fänden es unglaublich, dass in Deutschland ein so menschenverachtendes Regime die Herrschaft übernehmen konnte. „Es ist ein bedeutender Teil unserer Geschichte, deshalb finde ich auch Gedenkstätten wie diese hier ungeheuer wichtig.“
Beklemmendes Waldstück
Bei strengen Minusgraden hatten sich die Schüler am Morgen anhand eines auszufüllenden Fragebogens die Freiluftausstellung mit den Schautafeln selbst erschlossen. Von den Plexiglasscheiben mussten sie Eis kratzen, um die historischen Bilder und Dokumente lesen zu können.
Auch eine Führung durch das angrenzende Waldstück, in dem die SS im April 1945 die KZ-Häftlinge des Todesmarsches zusammengetrieben hatte, sei sehr beklemmend gewesen, erzählt die 16-jährige Monique. „Der Film war auch sehr interessant, aber einfach zu lang“, sagt sie. „Vor allem mit so vielen Leuten in dem kleinen, viel zu warmen Raum“, ergänzt ihr Klassenkamerad Jul.
Projekttag lief nicht so wie gedacht
Auch sie finden die Auseinandersetzung mit diesem Teil der deutschen Geschichte und die Erinnerung daran wichtig, hätten sich den Projekttag aber etwas anders vorgestellt. Schulsozialarbeiter Haneld gibt sich selbstkritisch: „Es ärgert mich natürlich, wenn wir die Schüler nicht so erreichen, wie wir uns das vorgestellt hatten. Das werden wir vor allem mit denen, die später gestört haben, analysieren müssen.“ Wahrscheinlich sei die Gruppe von vornherein zu groß gewesen.
Auch Historikerin und Pädagogin Carmen Lange ist mit dem Tag nicht zufrieden. „Es ist natürlich nicht in unserem Sinne, wenn die Jugendlichen von der Art der Vermittlung frustriert sind“, sagt sie. Am besten „funktioniere“ immer noch die persönliche Begegnung mit Zeitzeugen, dafür sei der heutige Projekttag aber zu kurzfristig entstanden.
Bald keine Überlebenden mehr
„Schon in wenigen Jahren wird es keine Überlebenden mehr geben, die ihre Erinnerungen weitergeben können, dann haben wir nur noch Filme, insofern war das heute etwas ernüchternd“, räumt sie ein. Das pädagogische Angebot für das 2010 an der Gedenkstätte neu entstandene Schulungszentrum stecke noch in der Erprobung. Es warte noch eine Menge Arbeit auf sie.
Unter den Schülern ist derweil Ruhe eingekehrt. Am Mahnmal für die Opfer des Todesmarsches legen sie Blumen nieder und beenden ihren Besuch in respektvollem Schweigen.
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