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Abriss-Safari durch den Plattenbau

Die Max-Sander-Straße 8 in Anklam wird für den Abriss vorbereitet.  FOTOs: C. Müller
Die Max-Sander-Straße 8 in Anklam wird für den Abriss vorbereitet. FOTOs: C. Müller

VonClaudia Müller

Die letzten Mieter sind schon lange ausgezogen, als nächstes quartiert sich hier die Abrissbirne ein. Bevor es aber so weit ist, machten wir uns auf Spurensuche in der Geisterplatte an der Anklamer Marktostseite.

Anklam.Die Aussicht auf den Anklamer Marktplatz ist super. Wer würde da nicht gern im Sommer auf dem Balkon sitzen: Mal sehen, wer zum Rathaus geht, wer zum Einkaufen und wer sich die Füße im Greifenbrunnen kühlt. Doch das ist vorbei: Die Wohnblöcke mit der schönen Aussicht an der Marktostseite, Adresse Max-Sander Straße 7-9, werden abgerissen. Denn zwischen dem Markplatz und dem Steintor sollen zwei Quartiere mit neuen, kleineren und hübscheren Häusern entstehen. Abriss und Neubau ist wirtschaftlich sinnvoller als die Sanierung der Blöcke, hatte die GWA festgestellt.
Der genaue Termin für den Abriss des Blöcke mit rund 40 Wohnungen steht noch nicht fest. Susanne Bluhm, Geschäftsführerin der Wohnungs- und Grundstückswirtschafts GmbH Anklam (GWA), geht inzwischen aber davon aus, dass die Aktion erst im Herbst über die Bühne geht. Denn eine Lärm- und Dreckbelastung mitten in der Stadt will die GWA im Hochsommer möglichst vermeiden. Mehr Zeit als der eigentliche Abriss werden laut Susanne Bluhm die Vorbereitungen in Anspruch nehmen. So müssen im Vorfeld unter anderem die Fenster ausgebaut und die Innenausstattung nach Materialien getrennt werden.
Und natürlich sollen die Wohnungen komplett leer sein – in dieser Hinsicht haben die früheren Mieter unterschiedlich vorgearbeitet. In einer der großen Vier-Raum-Wohnungen ist nichts zurückgeblieben – kein Möbelstück, keine Tasse. Dennoch wirken die Zimmer nicht nackt: Hier hat wohl zuletzt eine Familie mit einem Faible für bunte Tapeten gelebt. Weinblätter, Blümchen, Wolken, Tänzerinnen, Piraten – in jedem Raum ein anderes Muster. Die Seeräuber-Tapete war offenbar mal in, denn sie taucht zwei Stockwerke höher in einer anderen Wohnung noch einmal auf. Gleich im Nebenzimmer schippern Piratenschiffe über die Wände: Wahrscheinlich die Kinderzimmer für zwei Brüder, die sich vielleicht mit geheimen Klopfzeichen von Wand zu Wand verständigt haben, wenn sie eigentlich schlafen sollten. Aber es gibt in den leeren Wohnungen auch Anzeichen für ein womöglich weniger harmonisches Familienleben. In einer Wohnung haben gleich drei Zimmertüren ein Loch in Fuß- oder Fausthöhe. Ob da jemand seinen Jähzorn nicht beherrschen konnte?
In anderen Wohnungen stehen einsame Kochherde und hinter einer Wohnzimmer-Tür ist eine ganze Anbauwand zurückgelassen worden. Im braunen Regal liegen sogar noch zwei Bücher: Ein Atlas der Motortouristik, der schon etliche Jahre auf dem Buckel hat und ein Straßenaltas aus dem Jahr 2010. Hier hat offenbar ein reiselustiger Mensch gelebt.
Als die Pläne für den Abriss der Wohnungen vor gut zwei Jahren publik wurden, sorgte das zeitweise für Verunsicherung und Unmut bei den verbliebenen Mietern. David Wiechoczek, Vorsitzender des Horizonte-Vereins in Anklam, kritisierte damals, dass es keine einheitlichen Informationen an alle Mieter gab, sondern jeder auf sich allein gestellt war. Zudem würden mit dem Abriss ältere Bürger aus dem Stadtzentrum verdrängt, so Wiechoczek. Die GWA betonte hingegen seinerzeit, dass man für alle Mieter eine optimale Lösung gesucht habe. Ob die Leute aus der Max-Sander-Straße 7-9 allerdings in ihren neuen Wohnungen wieder so eine schöne Aussicht, wie die auf den Marktplatz haben, ist fraglich.

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