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Arado-Werke: Herr Witt erzählt, die Studenten staunen

Der 92-jährige Wolfgang Witt hat als junger Mann bei den Arado-Werken gearbeitet. Er erzählt den Studenten Christian Wilken, Tobias Kahl und Dozent Jörg Driesner seine Geschichte.  FOTO: gabriel kords
Der 92-jährige Wolfgang Witt hat als junger Mann bei den Arado-Werken gearbeitet. Er erzählt den Studenten Christian Wilken, Tobias Kahl und Dozent Jörg Driesner seine Geschichte. FOTO: gabriel kords

VonGabriel Kords

So helfen Anklams Senioren Greifswalder Nachwuchs- Historikern: Auf den Aufruf nach Zeitzeugen, die etwas über die Arado-Werke erzählen können, haben sich viele Anklamer gemeldet. Jetzt legen die Studenten los mit ihren Befragungen.

Anklam.Wolfgang Witt wohnt seit 92 Jahren in Anklam und hatte neulich drei junge Herren zu Gast: Die Studenten Tobias Kahl und Christian Wilken und ihr Dozent Jörg Driesner besuchten den Rentner, weil er sich auf ihren Zeitzeugen-Aufruf gemeldet hatte: „Ich habe den Aufruf in der Zeitung gelesen und mir gedacht, da kann ich was zu sagen“, berichtet er.
Denn als in Anklam im „Dritten Reich“ bei den Arado-Werken Flugzeugteile gebaut wurden, war Witt dort Lehrling. Als die Lehre endete, musste der 23-Jährige in den Krieg ziehen, aber die Zeit davor hat er nicht vergessen. „Wir haben wenig darüber nachgedacht, was wir in den Arado-Werken gebaut haben“, erinnert er sich. Und erinnert sich an manche heiteren Stunden, etwa die Weihnachtsfeiern der Fabrik, an denen auch die hohen Herren aus der Direktion teil-
nahmen.
Die Studenten kamen auf Witts Sofa aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, so viel gab es zu sehen auf den Fotos und Unterlagen, die Witt ihnen zeigte und erklärte. Für Tobias Kahl war es die erste ausführliche Begegnung mit einem Zeitzeugen des „Dritten Reiches“: „Ich bin schwer beeindruckt, wie plastisch Herr Witt berichtet hat.“ Sein Fazit: „Geschichte wirkt ganz anders, wenn man mit jemandem spricht, der sie erlebt hat.“ Am meisten in Erinnerung geblieben ist ihm ein Satz, mit dem Witt den Alltag unterm Hakenkreuz beschrieben hat: „Man musste eben manchmal den rechten Arm heben. So war das damals nun mal.“
Die Studenten aus Greifswald, insgesamt rund 30 an der Zahl, sind derzeit regelmäßig in Anklam und besuchen Zeitzeugen. Doch damit geht die Arbeit erst richtig los: Die Besuche nehmen sie per Audiomitschnitt auf, anschließend folgt die Transkription, ein langwieriger Prozess, bei dem die gesamte Aufnahme Wort für Wort in Schriftform übertragen wird.
Erst dann beginnt die Auswertung, bei der sich die jungen Wissenschaftler streng an gängige Forschungspraxis halten. Am Ende wollen sie ihre Ergebnisse veröffentlichen und auch den Anklamern zugänglich machen, versprechen sie.
Wer sich noch als Zeitzeuge melden will, kann das weiterhin machen: per Anruf unter Telefon 038344739135 oder per E-Mail an die Adresse: projekt_arado@mail.de.

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