Ärzte in Vorpommern greifen bei Kindern besonders oft zu Antibiotika. Auch gegen Erkrankungen, bei denen das gar nicht wirkt. Statt dessen erhöht sich das Risiko auf Resistenzen und Allergien gegen die Stoffe. Experten machen den Mangel an Kinderärzten für die Verschreibungspraxis verantwortlich.
Vorpommern.Erst am Dienstag hatten Forscher der Universität Greifswald gewarnt: In Vorpommern und besonders im Altkreis Uecker-Randow gibt es zu wenig Kinderärzte. In den Krankenhäusern der Region bekommt man das Problem schon länger zu spüren. Seit 2006 steigen die Patientenzahlen in den Kinderkliniken. „Besonders im vergangenen Jahr war der Anstieg noch einmal enorm“, so Ameos-Pressesprecherin Synke Drechsler. Das Unternehmen betreibt die Kliniken in Ueckermünde und Anklam. „Wir dürfen aber nur behandeln, wenn es ein Notfall ist oder der Kinderarzt vor Ort gerade Urlaub hat“, erklärt Dr. Günther Seidlitz, Oberarzt an der Anklamer Kinderklinik. Diese Vorschriften sollen verhindern, dass Kliniken den niedergelassenen Ärzten das Geschäft streitig machen. Doch wo es kaum noch Arztpraxen gibt, müssen die Patienten andere Möglichkeiten suchen. Auch die Hausärzte behandeln in Vorpommern immer öfter die ganz kleinen Patienten. Ganz besonders mit Neugeborenen und Säuglingen sollte aber immer ein Facharzt aufgesucht werden, empfiehlt Seidlitz. „Kinder haben einfach andere Bedürfnisse als Erwachsene. Dafür sind die Hausärzte nicht ausgebildet.“ Eine neue Studie der Universität Bremen scheint jetzt die Folgen dieses Ärztemangels zu belegen. Denn in Vorpommern wird den jungen Patienten weit häufiger Antibiotika verschrieben als nötig. Diese Medikamente bekämpfen Bakterien im Körper. Häufig werden sie allerdings auch bei Virusinfektionen wie Grippe verschrieben, gegen die sie wirkungslos sind. Wer zu häufig Antibiotika nimmt, riskiert eine Reihe von Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Erkrankungen oder Allergien. Zudem können sich dadurch leichter Bakterien bilden, die gegen diese Stoffe resistent sind. Eine Gefahr für alle. Weil Antibiotika bei vielen Laien als Wundermittel gelten, fordern Eltern oft ein Rezept für ihr krankes Kind, so der Studienleiter Professor Gerd Glaeske. Er vermutet, dass Ärzte solche Mittel regelmäßig verschreiben, nur um die Eltern zu beruhigen, nicht weil es medizinisch sinnvoll ist. 2009 waren es mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen, die im Altkreis Uecker-Randow mit dieser Methode behandelt wurden. Der Altkreis Ostvorpommern hält mit 52,5 Prozent bundesweit den Spitzenwert. Zum Vergleich: In Bayern waren es nur rund ein Viertel. Für Günther Seidlitz sind diese Rekordzahlen auch eine Folge des Ärztemangels in der Region. Denn besonders Hausärzte würden zum Griff nach Antibiotika neigen, wenn der Kinderarzt noch nach anderen Möglichkeiten sucht.