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Aus der Metropole ins winzige Dorf

Camilo (rechts) und Karlotta, seine Gastschwester auf Zeit, reiten gern - eigentlich Islandpferde, aber zur Abwechslung in Broock beim auch mal die Kaltblüter Uschi und Urte.  FOTO: K. Pöller
Camilo (rechts) und Karlotta, seine Gastschwester auf Zeit, reiten gern - eigentlich Islandpferde, aber zur Abwechslung in Broock beim auch mal die Kaltblüter Uschi und Urte. FOTO: K. Pöller

VonKerstin Pöller

Ein Kolumbianer will eigentlich Systemingenieur werden. Warum macht der 15-Jährige dann auf dem Broocker Hof ein Praktikum?
Vosshagen/Broock.Dort wo Camilo Tabares eigentlich zu Hause ist, scheint die Sonne jetzt schon wesentlich wärmer als in Deutschlands Norden: in Medellin. Die nach der Hauptstadt Bogotá zweitgrößte Metropolregion Kolumbiens zählt über zwei Millionen Einwohner. „Aber so viel wärmer als man vielleicht hier glaubt, ist es bei mir in Südamerika gar nicht!“ sagt Camilo. „So im Durchschnitt 22 Grad ziemlich gleichmäßig das ganze Jahr über.“
Camilos Eltern fanden, dass es gut wäre, mehrere Sprachen sprechen zu können. Deshalb brachten sie ihn in Medellin in den deutschsprachigen Kindergarten und später, als er 5 war, auch in die Schule, in der einige Fächer auf Deutsch unterrichtet werden. Derzeit, also in der 9. Klasse, sind es Geschichte und Biologie. „Und natürlich Deutschunterricht“. Wie viel? Er lacht: „Viel“. Acht Stunden Unterricht hat er dort jeden Tag, und der ist schon recht streng. „Mehr als in Deutschland“, findet er.
Für die Schüler der deutschen Schule in Medellin ist es nämlich Pflicht, siebeneinhalb Monate in Deutschland eine Schule zu besuchen. Und Camilo hat es nach Voßhagen verschlagen. „Ich habe das auf der Karte erst gar nicht gefunden“, erinnert er sich. Und der Sprung war dann auch gewaltig, die größte Umstellung für ihn überhaupt: Aus der Millionenstadt mit Party, Shoppen und Freunden ins winzige Dorf mit nur einer Hand voll Jugendlichen zwischen Jürgenstorf und Zettemin bei Stavenhagen. Dort wohnt er bei Familie Schrader mit drei Gastgeschwistern. Karl, der Älteste, besucht in Malchin die
11. Klasse und war selbst mit einer Schüler-Austauschorganisation gerade für ein Jahr in Venezuela, seine Gastschwester Hanna vom Musikgymnasium Demmin beginnt ihr Austauschjahr in Costa Rica jetzt im Juni. „Ich finde es gut, ein anderes Land kennen zu lernen“, meint Camilo. Und zwar nicht nur die Schule dort und die Freizeitangebote – er hat gerade begeistert das Kanufahren in Malchin getestet – , sondern auch die Arbeit.
Gerade hatte er nämlich wie seine Klassenkameraden vom Malchiner Gymnasium ein zweiwöchiges Betriebspraktikum. Dazu wohnte und arbeitete er in einem genauso winzigen Nestchen wie Voßhagen, in Broock. Auf dem Broocker Hof schaute er bei Arbeiten in der Landwirtschaft zu, er half beim Gras aussäen und Zwiebeln stecken, kümmerte sich um Pferde, Huskys, Hühner, Hase und Kätzchen. „Tiere hat unsere Familie in der Großstadt gar nicht und Platz für einen Garten auch nicht.“ Eigentlich möchte er nach der 12. Klasse in Kolumbien entweder Systemingenieur werden wie seine Eltern oder Medizin studieren. „Aber das war hier auch mal interessant!“

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red-demmin@nordkurier.de

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