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Beleidigter Polizei-Präsident zeigt Nordkurier-Reporter an

Der Neubrandenburger Polizeipräsident Knut Abramowski.
Der Neubrandenburger Polizeipräsident Knut Abramowski.

Von unserem Redaktionsleiter Jürgen Mladek

 

Die Geschichte, die der Kollege da vor acht Wochen in der Redaktionskonferenz erzählte, klang zunächst unglaublich. Der neue Leiter des Anklamer Polizeireviers sollte demnach gar nicht in Anklam arbeiten, sondern in Neubrandenburg. Mehr noch: Er sollte sich nicht um die Sicherheit und Ordnung in Anklam kümmern, sondern ausschließlich um seine Polizeikollegen – als freigestellter Personalrat. Das klang schon recht merkwürdig. Die Recherchen ergaben aber: Es war tatsächlich so. Sollte Anklams Revierleiter also wirklich nur noch auf dem Papier existieren?

Zunächst hieß es auf unsere Nachfragen aus dem Polizeipräsidium, dass noch gar kein Leiter ernannt worden sei (14. Februar). Unsere Redaktion konfrontierte darauf die Polizeiführung mit unseren Erkenntnissen, dass diese Ernennung sehr wohl schon erfolgt sei und es dafür auch Belege gebe. Jetzt folgte eine Presseerklärung (19. Februar), in der die wunderliche Personalie offiziell verkündet wurde. Was nicht in der Erklärung stand: Besetzt wurde tatsächlich nur die Planstelle, auf dem Stuhl des Leiters des Anklamer Reviers sollte der entsprechende Beamte aber nie Platz nehmen. Das alles berichteten wir dann am 20. Februar.

Natürlich war der Fall damit für uns noch nicht abgeschlossen, denn viele Fragen blieben: Auch die: Warum macht das Präsidium so etwas? Es gab dazu dann einige Hintergrundgespräche, in denen wir viel über den undurchdringlichen Planstellendschungel bei der Polizei erfuhren. Dort, so machte man uns klar, scheint so etwas fast schon normal zu sein. Ungefähr so, als wäre der offizielle Nordkurier-Redaktionsleiter in Anklam in Wahrheit der Computerexperte in Neubrandenburg. Unsere Leser würden so etwas eine Mogelpackung nennen. Nun gut, bei der Polizei läuft es anders, die Führung beharrt aber darauf, dass es bei der Besetzung von Dienstposten „nur um Eignung, Befähigung und Leistungsfähigkeit“ geht. Wie aber ein Mann, der nie nach Anklam kommt, für die Aufgabe hier besonders „geeignet, befähigt und leistungsbereit“ sein kann: Keine Ahnung!

Die Frage war: Warum das ganze Postengeschiebe?

Dann erfuhren wir auch noch, dass der Personalrat durch seine Ernennung zum Revierleiter nicht wie auf seinem alten offiziellen Posten in der Leitstelle zwangsläufig mit 60 Jahren in den Ruhestand müsste, sondern seine Dienstzeit über den kommenden Oktober hinaus verlängern könnte. Das, so unsere Recherchen, wollte er selbst, und es sei ihm vom Polizeipräsidium auch schon zugesagt worden. Darüber berichteten wir am 4. April. Und darüber, wie in Polizeikreisen über die Angelegenheit gedacht wird: Der Polizeipräsident habe der Dienstzeitverlängerung „aus Dankbarkeit“ zugestimmt.

Durch diese Formulierung fühlt sich der Polizeipräsident nun beleidigt, für ihn schwingt dabei ein Korruptionsvorwurf mit. Nun, Dankbarkeit gilt in unserem Land immer noch als Tugend. In jedem Betrieb gibt es Prämien oder Beförderungen, auch aus Dankbarkeit für tolle Leistungen. Und dass man einen Beamten womöglich auch aus Dankbarkeit für sein Engagement nicht in die Zwangspensionierung schickt, sondern ihn gerne hält, schien uns nicht ehrenrührig.

Bleibt die Frage: Wie wird unsere Redaktion mit der Anzeige umgehen? Natürlich diskutieren wir selbstkritisch darüber, ob jede einzelne Passage unseres Beitrags perfekt ausbalanciert war. Andererseits: Weder jetzt noch in Zukunft schreiben wir exklusiv für den Polizeipräsidenten und dessen Befindlichkeit, sondern für unsere Leser. Und die dürfen sich darauf verlassen, dass wir uns nicht einschüchtern lassen, sondern weiter auch kritisch über die Polizeiführung berichten. Und selbstverständlich werden wir unsere Leser über jeden Schritt in dieser Sache informieren.

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