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Bordel – bei ihm spielt alles und jeder eine Rolle

Wolfgang Bordel lässt in einer Inszenierung den „Ritter von der traurigen Gestalt“ die Rosinante aus Schrott selbst zusammenbauen. Er zeichnet von sich gern das Bild des Don Quijote der Theaterlandschaft.[KT_CREDIT] FOTO: Ralph Schipke
Wolfgang Bordel lässt in einer Inszenierung den „Ritter von der traurigen Gestalt“ die Rosinante aus Schrott selbst zusammenbauen. Er zeichnet von sich gern das Bild des Don Quijote der Theaterlandschaft.[KT_CREDIT] FOTO: Ralph Schipke

VonRalph Schipke

Es widerspricht niemand, wenn Anklams Theaterchef als dienstältester Intendant eines deutschen Theaters tituliert wird. Seit 30 Jahren leitet er ein kleines, aber feines Theaterimperium zwischen Peene und Ostsee.

Anklam.Wolfgang Bordel sieht aus wie die Taschenausgabe von Rubeus Hagrid, dem linkischen Halbriesen, Wildhüter und Hausmeister der Zauberschule von Hogwarts. Der zottelige Märchen-Zauberer wirkt auf kleine Zauberlehrlinge auf den ersten Blick beängstigend: Seine riesige Gestalt ist doppelt so hoch und fünf Mal so breit wie die eines normalen Menschen. Auch wenn Bordel von solchen Körpermaßen weit entfernt ist, kann er an der von ihm begründeten Theaterakademie in Zinnowitz auf Usedom Schauspiel-Eleven beim Aufnahmegespräch mit Fragen aus der Physik und nach der Chaostheorie verunsichern und sogar ängstigen. Ganz wie bei Hagrid täuscht diese äußerliche Bärbeißigkeit, ja Grobheit über das wahre Wesen hinweg. Sind es beim Zauberriesen und Harry-Potter-Freund die freundlichen schwarzen Augen, die auf den zweiten Blick den herzlichen Freund der Zauberschüler erkennen lassen, so sind es beim Theaterverrückten Bordel eine leise, ruhige Stimme und ein feiner Ironie-gewürzter Humor, die Vertrautheit vermitteln, Freundlichkeit, Harmoniebedürfnis.
„Harmonie hat nur den einfachen Sinn, zu zeigen, wie schön das Chaos ist“, sind so Sätze, die unaufgeregt mit dieser leisen Stimme in den Raum gesprochen werden. Oder: „Theaterspielen ist blanke Physik!“ Solche Worte muss der Zuhörer erst einmal gründlich im Gehirn herumventilieren lassen. Sind sie Blendwerk oder ist was dran?
„Das Chaos genießen“, dazu hatte Dr. Wolfgang Bordel – Jahrgang 1951 – im vorpommerschen Anklam 30 Jahre gute Gelegenheit. Geboren wurde Bordel in Halle. In einer sozialistischen Arbeiterfamilie. Vater Siegfried Bordel war Prolet – Lokschlosser im Reichsbahnausbesserungswerk „Ernst Thälmann“ und hatte mit Theater und Kunst weniger an der Bahner-Mütze. Traute dem Sohn aber durchaus eine Rolle als Quoten-Arbeiterkind auf einer höheren Schule und einen technischen Beruf zu.
Die musischen Gene in der Bordel-DNS stammen definitiv aus der mütterlichen Linie. Die war Hortnerin und ließ ihre eigenen Kinder
Instrumente lernen.

Mit dem Selbstverständnis eines Kultur-Don-Quijote Schul- und Jugendfreund Klaus Brandt erinnert sich an den „Eintänzer“ auf jedem Tanzboden und Querdenker Bordel: „Als unser erstes Inte-resse an Mädchen aufkam, besuchte Wolfgang eine private Tanzschule und hatte später immer ein Ass im Ärmel.“ Er konnte die Damen gekonnt nach allen Regeln der Kunst und des Anstandes übers Tanzparkett geleiten. Von seiner Tante in Halle wurde er schließlich zum mädchenlastigen Arbeitertheater überredet. „Ob er nicht Lust hätte…?“ Wolfgang hatte – Lust auf Mädchen und Theater.
„Ein Rennpferd im Garten, aber keine ordentliche Galopprennbahn in der Umgebung“, so bebildert Bordel sprachlich seinen anhaltenden Konflikt sowohl mit proletarisch-sozialistischer Kulturpolitik als auch mit einem hehren Kulturanspruch eines in Mecklenburg und Vorpommern dünn gestreuten, aber in Ex-Residenzstädten hochkonzentrierten Bildungsbürgertums. Bordel selbst möchte gern als Kultur-Don-Quijote in die Geschichte eingehen. Ein edler Ritter, der zwar nicht gegen Windmühlen, schon aber gegen Kultur-Leuchttürme angerannt ist.
Den Kritiken seiner Art, Theater zu veranstalten, hält er beeindruckende Besucherzahlen vor. Ja, aber mit welch fragwürdigen Mitteln? – ziehen Bordel-Kritiker die Stirn in tiefe Falten. Mitmach-Theater, bunte Estrade, fröhliches Kindertheater. Die Sage der Stadt „Vineta“, als aktuell-politische Parabel aufs Hier und Jetzt. So sieht Bordels knallbunte Theaterwelt aus, die von den Leuten in Vorpommern – Einheimischen und Urlaubern – nachgefragt wird. Und wer will, darf mitmachen, mitspielen, Theaterlauft schnuppern. Aber wo bleibt da die hohe Kultur? Vielleicht schaut man bei dieser Frage am besten auf die Meistersinger-Tradition eines Hans Sachs. Die lag darin, Handwerker und Bürger anzuregen, Dichtung zum eigenen Vergnügen und dem der Verwandtschaft zu betreiben.
Wichtig ist Bordel, dass es auch nach Bordel unterhaltsames, belehrendes und bezahlbares Theater in Vorpommern und Neubrandenburg gibt. „Theater gehen aus Mangel an Ideen unter, nicht aus Mangel an Geld!“ Noch so ein Bordel-Satz wie ein Hagrid-Zauberspruch fürs kulturpolitische Stammbuch.

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