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Das ewig junge Glück mit einem alten Eisen: Diese Liebe rostet nie

VonStefan Hoeft

Jede Menge Oldtimer lockten jetzt Hunderte Gäste aus nah und fern an den Jarmener Klinkenberg.
Dort gab es unter anderem eine deutschlandweit einzigartige Lkw-Kostbarkeit zu bestaunen. Zu den Stammgästen zählt auch
ein Loitzer Ehepaar mit seinem Troll-Motorroller.

Jarmen/Loitz.„Hier ist das immer schön gemütlich, ein bisschen familiär“, meinten Ingrid und Fred Schuster von den Kfz-Veteranen aus Loitz. Deshalb gehören sie jedes Jahr zu den Besuchern des Motorenanlassens beim Autohaus Kiel in Jarmen, das jetzt seine neunte Auflage erlebte. Die 62-Jährigen rückten erneut mit ihrem „Troll“ an, einem alten DDR-Motorroller mit besonderer Geschichte – sowohl was Typ angeht als auch für die Familie selbst.
Immerhin seien diese Zweiräder nur 1963/64 bei Ifa Ludwigsfelde produziert worden, erzählt Fred Schuster, jenem Werk, wo danach vor allem Lkw W 50 vom Band rollten. Gut 50 000 Stück der zweirädrigen Kobolde sollen gebaut worden sein. „In der Jugend haben wir schon mal einen gehabt“, erzählt seine Frau.
Sie gingen einst in Parallelklassen, und anfangs war das Interesse aneinander wohl nicht besonders groß. Auch der Troll, den der Sophienhofer Junge in der 8./9. Klasse vom Vater übernahm, machte wenig Eindruck auf die junge Kletzinerin. „Aber seine schwarzen Haare“, verriet sie lachend.
Erst hinterher lernte sie auch die Vorzüge des Rollers zu schätzen, der trotz seines enormen Gewichts und der Anfälligkeit für Wind ein Frauenfahrzeug-Image bekam – wegen der großen Schmutzfänger. Schließlich brachte sie das Gefährt mit seinen 9,5 PS und bis zu Tempo 100 fast überall mühelos hin. Sogar den Sohn konnten sie mitnehmen, es gab extra in der Mitte kleine Fußstützen. Als das zweite Kind kam, rangierten die Schusters ihr Zweirad 1976 aus. „Wir hatten ja nur eine Eineinhalb-Zimmer-Wohnung und einen kleinen Schuppen für Kohlen. Da passte kein Troll mehr rein.“
Die Begeisterung für die alte Technik blieb indes. Und als sie 1996 von einem umher stehenden ausgedientes Exemplar hörten, griff das Duo zu. „Das war ein richtiges Schrottding, die Federbeine abgebrochen, und überall, wo Farbe abgeplatzt war, wurde einfach was übergestrichen.“ Doch Fred Schuster ließ nicht locker und brachte den Kobold wieder in Schuss und zum Rollen, heute strahlt er wie neu.
In Jarmen reihte sich ihr Traditionsstück nun unter anderem neben einer MZ-Kradmelder-Maschine ein, Simsons und viel älteren Exemplaren wie einem Motorfahrrad NSU „Quick“ Baujahr 1938. Später kamen Zündapp- und BMW-Wehrmachtgespanne auf eine Stippvisite – so gut hergerichtet und mit Extras ausgestattet, als seien sie frisch aus dem Depot gerollt. Wie passend fuhren zudem zwei Exemplare der berühmten Kübelwagen vor.
Älteste Pkw waren mit Baujahr 1932 der Tatra mit 20-PS-Motor und Rechtslenker von Harald Hein aus Tutow sowie der nur unwesentlich jüngere Hansa-Borgward von Manfred Gierke aus Alt Plestlin. Gerade dass fast alle Ausstellungsstücke aus Jarmen und Umgebung kommen, sei ihm wichtig, verdeutlichte Hausherr Sören Kiel gegenüber Nordkurier. Und es wirkte auf viele Besucher erstaunlich, was sich da so alles an Oldtimern in vorpommerschen Garagen und Werkstätten versteckt.
Schließlich zählen dazu diverse Standmotoren mit um die 100 Jahren auf dem Buckel sowie eine Vielzahl an Traktoren. Von letzteren stellten die Kiels als eingefleischte Hanomag-Fans wohl den größten Fuhrpark, immer wieder geentert von Kindern. Die gewaltige Ladefläche des von seinem Bruder Jens-Uwe gesteuerten Zwölf-Tonnen-
Armeelasters der sowjetischen Marke KRAS nutzten einige Gäste sogar zu einer luftigen Rundfahrt. Ein durchaus teurer Spaß, schluckt der röhrende Riese doch locker einen halben Liter Sprit pro Kilometer.
Mit deutlich weniger kommt jener Alfa-Romeo-
Laster von 1955 aus, den die Peenestädter erstmals präsentierten und der als Unikat in Deutschland gilt. Schließlich bauten die Italiener die 2000 bis 3000 Exemplare dieser Reihe für den Export nach Argentinien und Brasilien, sprich ohne Heizung und mit Rechtslenker. „Man erfährt ganz wenig über dieses Auto, denn davon haben nur ein paar Stück den Kontinent nicht verlassen, das ist also eine totale Rarität“, erläuterte Sören Kiel.
Ihr Wagen mit der Seriennummer 1000 stand bisher vergessen in Süditalien herum und sah bei der Ankunft in Vorpommern wie ein Schweizer Käse aus. Nun glänzt und fährt er fast wie neu – und wird deshalb wohl bald Jarmen wieder verlassen. „Das ist eine Auftragsrestaurierung von uns für einen Kunden aus Süddeutschland.“

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