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Die kleine Emma hat Benzin im Blut

Alexandra hat als Jugendliche nicht nur auf der Speed-Kart-Bahn das Tempo bestimmt, sie stand auch den „Kleinen“ stets mit wertvollen Tipps zur Seite. [KT_CREDIT] FOTO: Kerstin Pöller/Archiv
Alexandra hat als Jugendliche nicht nur auf der Speed-Kart-Bahn das Tempo bestimmt, sie stand auch den „Kleinen“ stets mit wertvollen Tipps zur Seite. [KT_CREDIT] FOTO: Kerstin Pöller/Archiv

Von unserem Redaktionsmitglied
Veronika Müller

Sie war der „heißeste“ Feger auf der Kartbahn: Alexandra Kynast kannte kein Pardon, wenn es darum ging, Meisterschaftspunkte für ihren Verein einzufahren. Vielen Jungs lehrte sie
das Fürchten. Doch nach
13 Jahren sagte sie als 21-Jährige Tschüss und zog in den Süden. Die Sehnsucht nach schnellen Motoren und Anklam hat sie nie verlassen – doch jetzt ist sie wunschlos glücklich: Emma heißt
die Zaubermaus, die Alex
– vorerst jedenfalls – ausgebremst hat.

Anklam.„Es ist einfach ein schönes Gefühl. Ich hätte nie gedacht, wie so ein kleines Wesen alles verändern kann.“ – Alexandra Kynast ist glücklich. Seit dem 17. März hat die einstige Anklamerin eine Tochter. Emma ist ein Sonntagskind. „Ein Glückskind“, strahlt die stolze Mama, die durch ihre kleine
„Motte“ nun lernt, wie erfüllend Ruhe sein kann. „Stundenlang neben ihr liegen und sie einfach nur anschauen, das ist einfach toll. Ich vergesse um sie herum alles.“ Besonders wenn Emma lächelt, ist es um die junge Frau geschehen. „So ein kleines süßes Wesen.“
Dabei ist Alex alles andere als die Ruhe in Person. Bis 2008 zählte sie zu den heißesten Fegern der Hansestadt. Und das nicht, weil sie die Diskos aufmischte – nein, sie ließ die Jungs auf der Rennpiste eiskalt stehen. Die Kartflitzer hatten es ihr angetan. Seit sie als Achtjährige nach einer verlorenen Wette in einen Kartwagen steigen musste, war es um sie geschehen. „In dem Moment wusste ich: Das ist es.“ Die Bahn
und die kleinen schnellen Wagen haben sie dann nicht mehr losgelassen. Bereits ein Jahr nach ihrer ersten Runde war sie so gut, dass sie
ihren ersten Wettkampf absolvierte und den ersten Pokal einsackte. Insgesamt über 100 solcher Trophäen von großen und kleineren Meisterschaften sammelte sie im Laufe ihrer 13-jährigen Kart-Laufbahn.
Dann hängte sie die Rennmontur an den berühmten Nagel. Sie packte die Koffer und suchte in Heidelberg ihr Glück. Ein fester Job an der dortigen Uni lockte. Eine gute Entscheidung, wie sich heute zeigt. Im Rettungswesen ist sie beruflich unterwegs und im Rettungsdienst hat sie die große Liebe gefunden. Benjamin heißt der Auserwählte und ist, wenn er nicht Papa ist, als Rettungsassistent auf dem Rettungswagen on Tour. „Tja, da hat es gefunkt.“ Emma ist der Beweis.
„Eigentlich wollte ich noch meine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin an der Uni fertigmachen. Anfang nächsten Jahres stand das Examen in meinem Terminkalender. Nun verschiebt sich alles um ein halbes Jahr.“ Alex tut es nicht leid. Im Gegenteil. Sie hat kurzerhand umdisponiert und bereits die Schwangerschaft in vollen Zügen genossen. Es war eine Bilderbuchschwangerschaft, wie der Volksmund landläufig sagt. „Keine Übelkeit, nichts. Nicht einmal einen richtig dicken Bauch hatte ich. Ich weiß gar nicht, wo sich die ,Motte‘ darin versteckt hatte.“
Jetzt bestimmt die Kleine erst einmal den Alltag der jungen Familie. Noch jedenfalls ist Emma ein ruhiges Kind. Ob sie einst wie ihre Mamma flotte Runden auf der Rennpiste drehen wird, steht in den Sternen. Unruhe zeigt sie nicht. Ganz im Gegenteil: Offenbar hat der Winzling die Ruhe weg. Beim Trinken ein wenig Trödeln gehört bei ihr zum guten Ton. „Manchmal schläft sie sogar dabei ein“, lacht Mama Alex, die ohne Wenn und Aber ganz verliebt in ihren kleinen Wonneproppen ist. Geduld – eigentlich ein Fremdwort für eine schnelle Kartflitzerin – scheint jetzt ihr zweites Ich zu sein. „Ach was, Geduld brauche ich bei ihr gar nicht. Sie ist so pflegeleicht. Einfach nur nur zum Knuddeln.“ Und so verwundert es nicht, dass Emma noch ganz nah bei Mama schläft. Loslassen ist etwas, dass die junge Frau erst noch lernen will. Das hat Zeit bis eine größere Wohnung – inklusive Prinzessinnenzimmer – gefunden ist, sind sich die jungen Eltern einig.
Und wie ist es mit dem Heimweh nach der Peene-stadt? Das drückt hin und wieder schon. Auch wenn Heidelberg eine junge, quirlige Stadt ist und Alex sich inzwischen hier heimisch fühlt. Warum auch nicht? Denn da gibt es ja noch etwas ganz Besonderes in der Nähe: den Hockenheimring. Deutsche Tourenmeisterschaften, Formel 1 – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Natürlich: Alex ist gern dort, allerdings seltener als Zuschauerin. Mit dem DRK schiebt sie dort dienstliche Einsätze. Auch bei der Frauen-Fußball-WM im vergangenen Jahr war sie als Rettungssanitäterin im Stadion dabei. Der Sport lässt sie offenbar dann doch nicht ganz los.
Das gilt übrigens für Anklam ebenso. Im Sommer standen sechs Wochen Praktikum in der Rettungsstelle im Klinikum auf dem Plan. Natürlich blieb dabei die Kartbahn auf dem Flugplatz nicht links liegen. „Ich konnte nicht widerstehen“, gibt sie zu. Kurzerhand streifte Alex den Rennanzug über, setzte ihren Helm auf, stieg in das Kart, gab Gas und alles war wie immer: Sie ließ die Jungs, die schon vor Jahren ihre Konkurrenten waren, wieder einmal hinter sich. Die nahmen es übrigens gelassen. Schließlich hätten sie so eine wie die Alex gern wieder in ihren Reihen. Derzeit herrscht nämlich Ebbe im Motorsportclub an der Frauen- und Mädchenfront. Dass die Anklamer Kartflitzer nun begehrlich auf Emma schauen, ist verständlich.
Doch die Hoffnung, dass sie einmal hier wie ihre Mami einen heißen Reifen auf die Betonpiste zaubert, ist derzeit gering. Noch gibt es keine Umzugspläne von Heidelberg an die Peene. Aber wer weiß das schon so genau. Vorerst setzt die „Motte“ ganz andere Prioritäten: Trinken und Schlafen. Schnelle Flitzer sind ihr dabei völlig egal und lassen sie kalt. Noch....

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