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Ernüchternder Blick in die Zukunft: Droht neues Schul-Roulette?

Auch ohne den Blick in die Glaskugel scheint klar, dass im Amt Peenetal/Loitz eigentlich nicht mehr alle Schulgebäude benötigt werden – hier im Bild die Diesterweg-Grundschule Loitz, mit Baujahr 1886/87 das älteste Haus, aber ebenfalls grundlegend saniert. Denn bis 2030 geht die Schülerzahl weiter rapide zurück.  FOTOs: Stefan HOeft
Auch ohne den Blick in die Glaskugel scheint klar, dass im Amt Peenetal/Loitz eigentlich nicht mehr alle Schulgebäude benötigt werden – hier im Bild die Diesterweg-Grundschule Loitz, mit Baujahr 1886/87 das älteste Haus, aber ebenfalls grundlegend saniert. Denn bis 2030 geht die Schülerzahl weiter rapide zurück. FOTOs: Stefan HOeft

VonStefan Hoeft

Wohin fährt der Bus bei der Schulentwicklung bis 2030? Auch diese Frage versucht der Amtsbereich Peenetal/Loitz über das MORO-Projekt zu beantworten. Und selbst wenn eigentlich niemand weitere Schulschließungen möchte – am Anfang stehen jetzt sehr ernüchternde Zahlen.

Loitz/Görmin.„Wir halten die Demografie nicht auf, aber wir müssen uns anpassen. Und dabei geht es auch um den sinnvollen Einsatz öffentlicher Gelder.“ Das stellte Bürgermeister und Verwaltungschef Michael Sack bei einer Expertenrunde klar, die sich jetzt im Rathaus mit der Bildungslandschaft im Amtsbereich Peenetal/Loitz befasste. Björn Schwarze von einem Dortmunder Planungsbüro präsentierte eine genau auf dieses Thema zugeschnittene Modellrechnung. Denn seine Firma übernimmt die Begleitforschung zum bundesweiten Modellvorhaben Raumordnung (MORO), sprich errechnet aus diversen Daten, wann und wo wieviele Menschen welchen Alters leben. Und da geht es der Modellregion wie fast ganz Vorpommern: Peenetal/Loitz verliert bis 2030 im schlimmsten Fall ein Fünftel seiner Bevölkerung, hätte dann noch rund 5100 Einwohner.
Allerdings gestaltet sich dieser Verlust sehr unterschiedlich: Während das Durchschnittsalter stark steigt und gerade bei den über 65-Jährigen Zuwächse um die 40 Prozent zu erwarten sind, verhält es sich bei der Anzahl der Kinder genau andersherum. Also jene Altersgruppe, die für Kita und Schule interessant ist. Die Zahl der Steppkes im Alter von 6 bis 10 Jahren lag 2011 beispielsweise bei 234, die der Jugendlichen von 10 bis 16 bei 321. Doch für 2030 prognostiziert Schwarze nur noch 123 beziehungsweise 230 junge Leute, zusammengerechnet also ein Rückgang um mehr als 200 Schüler.
Können und wollen sich die Kommunen dann noch drei Schulstandorte im Amtsbereich leisten, zumal ein Teil der jungen Leute nach außerhalb an die Gymnasien fährt? Und wenn ja, wie lässt sich das Ganze möglichst optimal gestalten? Dies sind wohl die Kernfragen, vor denen die MORO-Expertengruppe bei ihrer nächsten Runde steht. Denn noch etwas wichtiges stellte Begleitforscher Schulze klar: Die Erreichbarkeit der nächsten Grundschule würde kaum leiden, sollte die kleinere Einrichtung in Görmin geschlossen werden. Zwar könnten dann wohl weniger Kinder schnell mal zu Fuß oder per Drahtesel ihre Bildungseinrichtung ansteuern. Aber per Auto wären trotzdem alle spätestens in 24 Minuten von der Haustür dorthin gebracht – so wie heute auch schon.
„Das Gros fährt mit dem ÖPNV, der Bus ist der Dreh- und Angelpunkt. Eigentlich sind das die spannenderen Zahlen für uns“, warf zwar Bürgermeister Sack ein. Doch hier genaue Fahrzeiten anzubieten ist schwierig, weil sich sowohl die Linien als auch die Anzahl und Größe der Busse stets verändern und anpassen lassen. Da sei die Pkw-Erreichbarkeit schon ein vernünftiger Maßstab, der sich ins Verhältnis zum Fahraufwand der Busse setzen lasse, entgegnete Schwarze.
Der Loitzer Bürgermeister Michael Sack stellte derweil ausdrücklich klar, dass diese Berechnungen nicht als vorgezogenes Todesurteil für den Standort Görmin verstanden werden dürften, die Diskussion müsse ergebnisoffen stattfinden. Zumal das Dorf vielleicht ja sogar künftig wieder eine größere Rolle spiele, wenn sich die Ausrichtung des Busverkehrs weiter Richtung Greifswald und Gützkow fortsetze, also weg von der alten Kreisstadt Demmin.
Auf jeden Fall gelte es, künftig Fehlinvestitionen zu vermeiden und das Geld der Stadt und ihrer Umlandgemeinden effektiv einzusetzen. Was der Bürgermeister damit meinte, führte er am Beispiel Loitz vor Augen: „Wir haben in unserer Stadt jetzt zwei top durchsanierte Schulen für rund 400 Schüler. Dabei würden alle in eine passen. Das hätte de facto nicht passieren dürfen. Und so was lässt sich vermeiden, wenn man die Zahlen vorher kennt.“

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