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Hier feiert seit Jahren nur noch die Zerstörungs-Wut eine Endlos-Party

Das Gebäudeensemble um den Bentziner Dorfkrug sollte das Aushängeschild für die Vorzeige-LPG sein. Heute ist es nur noch ein Schandfleck.
Das Gebäudeensemble um den Bentziner Dorfkrug sollte das Aushängeschild für die Vorzeige-LPG sein. Heute ist es nur noch ein Schandfleck.

VonStefan Hoeft

Was einst Schauplatz großer Feste und über Kreisgrenzen hinaus bekannt war, bietet nun ein großes Trauerspiel: Der Dorfkrug Bentzin ist innen zertrümmert, in einigen Räumen und vor allem davor türmt sich bergeweise Müll. Kommt nun für die private Immobilie der Abriss durch die Gemeinde?

Bentzin.Was wurde hier einst gefeiert, getrunken, gegessen, getanzt, gesungen und gelacht! Noch kurz vorm Ende der DDR von der Vorzeige-LPG Bentzin als Kultur- und Versammlungsort sowie als Kantine gebaut, suchte der Gebäudekomplex des Dorfkrugs seinesgleichen in der Region, was Platz und Komfort angeht. Die Schlüsselübergabe fand im Oktober 1989 statt, und ein riesiger Saal mit Bühne, eine Gaststätte/Kantine sowie die Küchen- und Sanitärausstattung sorgten dafür, dass sich die Anlage auch im vereinten Deutschland großer Beliebtheit bei Veranstaltern erfreute. Sogar die Anklamer feierten hier ihre Abitur-Bälle.
Doch für den Nachfolgebetrieb Ackerbau Bentzin blieb das Ganze ein Zuschussgeschäft. Und so war deren Geschäftsführer, Bürgermeister Hartmut Giermann, erleichtert, Ende 2003 Kaufinteressenten zu finden, die den Komplex übernehmen wollten. Zumal es auch um den Plattenbau nebenan ging, der als Büro und Ledigenwohnheim konzipiert, wegen der Wende unvollendet blieb.
Die Pläne für eine Vier-Sterne-Hotelanlage mit 110 Betten und Schwimmbad scheiterten allerdings, die Investoren kämpften stattdessen mit der eigenen Insolvenz. Seither kümmert sich niemand mehr um die Immobilie, im November 1997 gab‘s dort die letzte Veranstaltung. Und ein rundes Jahrzehnt nach dem Besitzerwechsel hat das Anwesen wieder Modellcharakter, diesmal als Negativbeispiel: Es entwickelt sich zum größten innerdörflichen Müll- und Schutthaufen.
Nicht nur dass das Innere ausgeschlachtet wurde und zerfetzte Reste auf dem einst von Parkett bedeckten Boden herumliegen beziehungsweise wie bei einer Kunst-Installation von der Decke hängen. Einige Räume sind komplett dicht mit Abfall jeder Art, draußen am und vor dem Gebäude liegt teils dicht and dicht jede Menge Schrott und Müll. Das reicht von Autoteilen und Reifen über Fernseher und Dämmmaterial bis hin zu Glas und normalem Haushaltsabfall. Und jeden Monat scheint es mehr zu werden, was Einheimische, Gewerbetreibenden und „Durchreisende“ verkippen. Eigentlich schon längst ein Fall für die Umweltbehörden.
„Das ist wirklich fürchterlich“, räumt der Bürgermeister gegenüber Nordkurier ein. Die Müllsünder seien aber wie üblich nur schwer zu ertappen oder die Leute scheuen sich, auf ihre Nachbarn zu zeigen. Zumal das ganze ja keine kommunale Liegenschaft sondern sozusagen eine Privatangelegenheit darstellt. Er selbst sei schon ewig nicht mehr im Innern gewesen. „Ich mag mir das Elend gar nicht ansehen.“ Gleichwohl scheint Giermann klar, dass die Augen zu verschließen nicht geht und dringend Handlungsbedarf besteht. „Wir wollen da jetzt was erreichen, das geht so ja nicht weiter“, kündigt er an.
Die neue Zauberformel, auf der Bentzins Hoffnungen liegen, kommt aus Schwerin und klingt recht fremd: Förderprogramm für devastierte Flächen. Übersetzt bedeutet Devastation Verwüstung und trifft damit haargenau auf den Dorfkrug zu. Bekannter unter dem volkstümlicheren Namen „Schandflecken-Programm“ will das Land jährlich 1,5 Millionen Euro zur Beseitigung eben solcher bereitstellen, weiß Liane Janssen, Bausachgebietsleiterin im Jarmener Rathaus. Und davon möchte die Gemeinde möglichst schnell was abhaben.
„Wir sind gerade dabei, Kostenangebote einzuholen“, erläutert sie. Zwar liegen noch keine Ergebnisse vor, doch offenbar ist klar, dass die Summe angesichts der Größe des Objektes, nötiger Rüstungen und wegen des Mülls locker den sechsstelligen Bereich erreicht. Ob die Abriss-Idee schon 2013 eine Chance hat, umgesetzt zu werden, scheint indes eher fraglich. Zumindest liege die Einverständniserklärung des alten Eigentümers dazu vor, betonen Janssen und Giermann. Ohne die wären ihnen die Hände gebunden.
Während die Bausachgebietsleiterin keinen anderen Weg für die Gebäude als den Schredder sieht, will der Bürgermeister die Hoffnung auf eine neue Nutzung nicht ganz aufgeben: „Wir müssen mal sehen, aber das ist noch alles zu vage und wenig ernsthaft, um spruchreif zu sein.“ So rauschend wie früher mal dürfte es aber wohl nie wieder zugehen. „Und vielleicht müssen wir ja erstmal einen Wildzaun da rumstellen.“ Bevor der Dorfkrug im und unterm Müll verschwindet.

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