Di. 10. Juli 2012
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Gesundheit von Anette Pröber

Im Kampf gegen die dicke Pest

Die Klinik für Diabetes und Stoffwechselerkrankungen in Karlsburg ist führend auf diesem Gebiet. Jetzt haben sich sogar Ärzte aus den Golfstaaten bei ihren Kollegen hier umgeschaut, um Tipps für die Behandlung in ihrer Region zu erhalten. Vor allem die Arbeit mit Kindern hat die Mediziner aus Dubai beeindruckt.

Von links oben: Dr. Abdulrazzaq Al Madani vom Dubai Hospital und Prof. Wolfgang Kerner, Chef der Diabetes-Klinik Karlsburg. Julian und Nico lernen derweil, wie sie sich richtig die Insulinspritze verabreichen.  FOTOs: Pröber
Von links oben: Dr. Abdulrazzaq Al Madani vom Dubai Hospital und Prof. Wolfgang Kerner, Chef der Diabetes-Klinik Karlsburg. Julian und Nico lernen derweil, wie sie sich richtig die Insulinspritze verabreichen. FOTOs: Pröber
Eggesin/Karlsburg

Erst seit wenigen Tagen weiß der zehnjährige Julian aus Eggesin, dass er an Diabetes leidet und sein Körper kein Insulin mehr produziert. Er lernt nun gemeinsam mit dem elfjährigen Nico aus Schwedt, was bei dem lebensnotwendigen Spritzen von Insulin zu beachten ist. Schulungsschwester Dagmar Lehmann bringt den Jungen das Wissen kindgerecht nah. Das ist Alltag in der Klinik für Diabetes und Stoffwechselerkrankungen in Karlsburg.

Am Freitag gab es interessierte Zuschauer für die kleinen Patienten. Eine Delegation von Diabetologen aus den Golfstaaten, den USA und Litauen besuchte das Klinikum Karlsburg. Die Mediziner informierten sich im Herz- und Diabeteszentrum über die Behandlung von Diabetes und den schwerwiegenden Folgeerscheinungen, zu denen vor allem Herzerkrankungen gehören.

Die Ärzte hatten im Januar während eines Diabetes-Workshops auf der weltgrößten Medizinmesse „Arab Health“ in Abu Dhabi Interesse an Kooperationen signalisiert. Mediziner des Klinikums Karlsburg werden unter dem Motto „Train the trainer“ innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre Partner in den Arabischen Emiraten ausbilden, damit diese effektive Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung leisten können. Denn während in Deutschland etwa acht bis neun Prozent der Bevölkerung an Diabetes mellitus leiden, liegt die Erkrankungsrate in den Golfstaaten schon bei 35 bis 40 Prozent.

Wissenschaftler der International Diabetes Federation rechnen damit, dass sich die Zahlen bis 2025 annähernd verdoppeln werden. Weltweit gilt der Diabetes als die Erkrankung, die derzeit am schnellsten wächst. Deshalb wird die Volkskrankheit auch als „Pest des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet.

Die hohe Erkrankungsrate in der Arabischen Welt resultiert aus dem Wohlstand und den Lebensbedingungen. „Begünstigt wird die Zunahme des Typ-2-Diabetes (Altersdiabetes) durch eine Lebensweise, die Bewegungsmangel und eine ungesunde Ernährung kennzeichnen“, sagt Prof. Dr. Wolfgang Kerner, Direktor der Diabetesklinik Karlsburg. In den klimatisch heißen Regionen werde kaum Sport getrieben und schon kleinste Strecken würden im klimatisierten Auto zurückgelegt. Doch wenn man ständig mehr Energie aufnimmt als verarbeitet, gerät die Energiebilanz des Menschen aus dem Gleichgewicht. Und der übermäßige Zucker schadet den Gefäßen.

„Rund zwei Drittel aller Patienten, die im Herzkatheterlabor nach einer Herzerkrankung behandelt werden müssen, sind bereits zuckerkrank oder besitzen eine Vorstufe der Stoffwechselstörung“, erklärt der Ärztliche Direktor des Klinikums, Prof. Wolfgang Motz. Viele Menschen wissen nicht einmal um ihre Erkankung, denn der zu hohe Blutzuckerspiegel ist zunächst nicht schmerzhaft.

Das Klinikum Karlsburg zählt mit seiner über 80-jährigen Diabeteseinrichtung weltweit zu den ältesten. In Vorpommern wurde 1930 durch Prof. Gerhardt Katsch (1887 - 1961) die Diabetologie mitbegründet. Schon in den 70- und 80er Jahren fanden Mitglieder der Herrscherfamilie aus den Emiraten den Weg nach Karlsburg. „Jetzt knüpfen wir an diese Traditionen an. Im Herbst kommen erste Patienten aus den Golfstaaten“ kündigt Prof. Motz an. Das Klinikum will sich international stärker engagieren, sich auch Patienten aus dem Ostseeraum öffnen. „Das wird sich positiv auf die Menschen in unserer Region auswirken“, sagt Prof. Motz. Nicht nur wegen der Arbeitsplätze. Ein höherer Klinikstandard komme allen zugute.

Dr. Abdulrazzaq Al Madani aus dem Dubai Hospital zeigte sich besonders von der „hervorragenden Betreuung der Kinder und Jugendlichen mit Diabetes“ angetan. „So eine Klinik brauchen wir auch in Dubai“, sagte er und versprach, mit mehreren Kollegen bald wiederzukommen.

Die Autorin arbeitet als Sprecherin des Klinikums Karlsburg.

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