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Ist unser Bahnhof nur 4500 Euro wert?

Am 15. April soll das Anklamer Bahnhofsgebäude unter den Hammer kommen.  FOTOs: Anne-Marie Maaß
Am 15. April soll das Anklamer Bahnhofsgebäude unter den Hammer kommen. FOTOs: Anne-Marie Maaß

Es ist zwölf Uhr mittags. Die Ankunftshalle im Bahnhof ist menschenleer, eben so der Bahnsteig. Die Türen im Inneren sind fast alle verschlossen, der Putz über den Bänken bröckelt von den Wänden. Einen trostlosen ersten Eindruck vermittelt der Anklamer Bahnhof ankommenden Reisenden. In der Reiseagentur von Sebastian Gryss herrscht jedoch Betrieb. Immer wieder kommen Kunden in den letzten verbliebenen Laden im Anklamer Bahnhofsgebäude. Sie kaufen Fahrkarten, fragen nach Auskunft oder trinken bei dem 31-Jährigen einfach nur Kaffee. Seit fünf Jahren betreibt Sebastian Gryss seinen Laden in dem Gebäude. Solange ist die Reiseagentur dort auch schon allein.

Auf den neuen Besitzer warten einige Baustellen

Nun kommt das Bahnhofsgebäude wie viele andere Eisenbahnstationen in Mecklenburg-Vorpommern unter den Hammer. Am 15. April um 14 Uhr soll die Auktion in Berlin beginnen. Das Startgebot liegt bei gerade einmal 4500 Euro. Dafür bekommt der Käufer 1300 Quadratmeter Anklamer Bahnhofsgeschichte, die viel Platz bieten, um sich zu verwirklichen. Sebastian Gryss ist sich aber ganz sicher: Auch zu diesem günstigen Preis möchte er das Gebäude nicht haben. „Ich hätte den Kaufpreis zwar schon nach einem Jahr durch meine eingesparten Mietausgaben wieder drin, aber was kommt dann noch alles hinterher?“, fragt sich Gryss. Besonders die Auflagen des Denkmalschutzes und die damit verbundenen Kosten, die das baufällige Gebäude mit sich bringt, schrecken ihn ab.
So sei seit längerem bekannt, dass das Dach völlig marode ist, der Dachstuhl morsch und im Keller auf den neuen Besitzer bereits Wasserschäden warten. Hinzu kommen die alten Wohnungen im ersten Stock. Sebastian Gryss hat die Räume mit einer Deckenhöhe von 3,50 Meter und Kachelöfen bereits selbst besichtigt. Auch die Außenansicht des Bahnhofs hinterlässt kaum einen besseren Eindruck beim Betrachter. Vandalen haben sich am und im Gebäude ausgetobt. Neben den beschmierten Mauern von außen, seien die ehemaligen Räume einer Spielothek nach einem Einbruch komplett verwüstet. Vernagelte Fenster und Türen sollen vor weiteren Übergriffen schützen. Lediglich der in der Ausschreibung erwähnte Verdacht auf Schädlingsbefall im Dachgeschoss sei für Sebastian Gryss völlig neu.
Ob sich bei dem unschlagbaren Startpreis nun endlich ein neuer Inhaber für das Objekt findet, daran zweifelt der Anklamer noch. Wenn, dann hofft er, weiter Mieter bleiben zu dürfen, schließlich sei er derzeit die einzige Einnahmequelle, die der Bahnhof für einen neuen Besitzer bietet. So sei die Deutsche Bahn laut Gryss in Anklam dazu verpflichtet, einen persönlichen Fahrkartenverkauf vor Ort anzubieten. Ob ein Bleiberecht seines Ladens im Wegerecht für Reisende und Mitarbeiter der Bahn, das bereits in der Ausschreibung des Gebäudes erfasst ist, mit eingeschlossen wird, weiß Sebastian Gryss nicht. Auch bei der Deutschen Bahn habe er zu diesem Thema noch niemanden erreichen können.

Auch andere Bahnhöfe aus der Region im Angebot

Doch nicht nur der Anklamer Bahnhof kommt in wenigen Tagen im Berliner Auktionshaus Karhausen unter den Hammer – gleich 50 Bahnstationen bundesweit sollen einen Eigentümer finden. Das Auktionshaus hat sich sozusagen darauf schon spezialisiert: „Vor vier Jahren haben wir erstmals einige Bahnhöfe versteigert, und es ging besser als erwartet“, erklärt Matthias Knacke, Sprecher des Auktionshauses. Die „gleisnahen“ Immobilien stammen aus dem Fundus der britischen Fondsgesellschaft Patron Capitals, die vor einigen Jahren rund 1000 Bahnhöfe im Paket von der Deutschen Bahn übernahm, diese aber offensichtlich nach und nach veräußern will. „In den vergangenen Jahren haben wir nun schon rund 400 Bahnhöfe versteigert“, sagt Knacke. Neben Anklam stehen auch die Bahnhöfe in Ferdinandshof, Grimmen, Demmin und Ueckermünde auf der Liste.
Dass der Auktionator auf dem Anklamer Bahnhof sitzen bleibt, hält Matthias Knacke für unwahrscheinlich. Bereits im Vorfeld habe es rund 30 Anfragen gegeben. Weitere Infos im Internet unter www.karhausen.de.

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