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Jüdische Weltenbummlerin will Anklamer Nazis bekehren

Sie ist gelandet, zumindest vorerst. Yehudit Bracha Bachmann in ihrem Shlomi-Treff in Anklam. Ohne den Glauben an Yeschua (hebräisch für Jesus) hätte sie diesen Schritt sicher nicht getan.
Sie ist gelandet, zumindest vorerst. Yehudit Bracha Bachmann in ihrem Shlomi-Treff in Anklam. Ohne den Glauben an Yeschua (hebräisch für Jesus) hätte sie diesen Schritt sicher nicht getan.

Yehudit Bracha Bachmann ist keine, die allzu viel auf Rationalität zu geben scheint. Zu abwegig sind die Wendungen in ihrem Leben, zu warm und unerschütterlich optimistisch die Art, mit der sie auf ihre Mitmenschen zugeht. Doch genau darin liegt ihr Rezept, Aufgaben zu meistern.

Wie diese lauten? „Beten, täglich beten und damit Liebe und Ruhe in diese Stadt bringen“, antwortet Yehudit Bracha Bachmann. Es folgt ein breites Lachen. Genau dieses musste ihr erst vergehen, um überhaupt nach Anklam zu kommen. „Das war im Mai 2012, da war ich das erste mal in Anklam.“ Deutschland hatte sie bis dahin gemieden. „Niemals wollte ich dort leben. Das war für mich immer ein Monster, das darauf wartet, mich zu verschlingen.“ Dieser Satz der gläubigen Jüdin muss ohne Lächeln auskommen.

"Ich liebe das deutsche Volk und ich muss helfen"

Dabei ist die Geschichte darüber, warum es die in der Schweiz Geborene über Israel und das Zillertal ausgerechnet an die Peene zog, schnell erzählt. „Im Zillertal habe ich eine Dokumentation über den NSU und Nazis in Deutschland gesehen, das hat mich schockiert.“ Andere hätten einfach weggeschaltet, Yehudit Bracha Bachmann kaufte eine Fahrkarte.

Wenig später war sie da, im „Schlund des Monsters“, in Anklam. Der Stadt, von der die Doku ein dunkles, ja braunes Bild gezeichnet hatte. Also machte sie sich auf die Suche. „Ich bin durch alle Straßen der Stadt gezogen, habe überall gebetet, bis ich auf einmal gemerkt habe: Ich liebe diese Nazis, ja ich liebe das deutsche Volk und ich muss helfen.“ Es folgt ein mitreißendes Lachen. Eines, das den krachenden Widerspruch erträglich macht. Sie, die laut eigener Aussage einzige Jüdin der Lilienthal-Stadt liebt Nazis.

"Die suchen doch auch nur nach Liebe und Anerkennung"

Liebe, die über Konfrontationen ausgetragen wird. In der Pasewalker Allee, direkt neben den Geschäftsräumen der lokalen NPD- und Kameradschaftsstrukturen, hat sie ihren „Shlomi-Treff“ eröffnet. Dort verkauft sie Waren aus zweiter Hand, bietet eine Anlaufstelle für Anklamer und ihre Gäste. Ihre Nachbarn haben sich aber noch nicht sehen lassen. Müssen sie auch nicht. „Ich bete jeden Tag für diese Menschen. Die suchen doch auch nur nach Liebe und Anerkennung, von daher habe ich eher Mitleid“, so Yehudit Bracha Bachmann. Die Stirn bietet sie den Rechtsextremen dennoch, ausgerechnet in deren Internetforen. Dort kommentiert sie Beiträge, streitet mit anderen Diskussionsteilnehmern. Sie tut das mit vollem Namen, ihre Gegenüber nutzen nur zu gern den Schutz der Anonymität.

Für die wenig freundlichen Kommentare ihr gegenüber hat sie dabei nur ein müdes Lächeln übrig und sagt: „Ich habe keine Angst vor denen, da lach ich drüber.“
 

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