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Mit Kamm und Schere aus Hartz IV heraus

„Da weiß man, wofür man arbeitet.“ Die 26-jährige Susann Klöcking aus Jarmen hat jetzt in ihrer Heimatstadt einen eigenen Frisier-Salon eröffnet.  FOTO: Stefan Hoeft
„Da weiß man, wofür man arbeitet.“ Die 26-jährige Susann Klöcking aus Jarmen hat jetzt in ihrer Heimatstadt einen eigenen Frisier-Salon eröffnet. FOTO: Stefan Hoeft

VonStefan Hoeft

Mit 26 der eigene Chef: Eine Jarmenerin macht sich mit Schere, Kamm und Fön selbstständig. Und zeigt sich optimistisch, auch wenn es in der Peenestadt jede Menge Konkurrenz gibt.
Der Auftakt jedenfalls
läuft schon mal Klasse.

Jarmen.Bei aller Schimpferei über leerstehende Geschäfte und fehlende Läden, an drei Dingen scheint es auf den ersten Blick in Jarmen nicht unbedingt zu mangeln: Supermärkten, Autogas-Tankstellen sowie Frisiersalons- und stuben. Doch offensichtlich gibt es bei letzteren noch oder wieder Reserven. Denn die Jarmenerin Susann Klöcking hat sich entschlossen, genau in dieser Branche ihr Glück als Selbstständige zu versuchen. Und der 26-Jährigen Unternehmerin ist durchaus bewusst, worauf sie sich da einlässt.
Gleich nach der Schule lernte sie ihren Wunschberuf von der Pike auf in einem Demminer Betrieb und ließ sich selbst durch ihre zwischenzeitliche Schwangerschaft nicht von der folgenden Meisterausbildung abhalten. Eine Woche nach der Entbindung ging es schon wieder auf die Schulbank, und seit Ende 2011 besitzt sie den Meisterbrief.
Aber Meisterin hin oder her, auch sie teilte das Schicksal vieler Angestellter in diesem Beruf: Eine immer anspruchsvollere Tätigkeit, die trotz 40-Stunden-Woche so wenig abwirft, dass es eigentlich nicht ausreicht und viele als Hartz-IV-Aufstocker enden. „Davon kann man nicht richtig leben, eigentlich könnte man da auch zu Hause bleiben“, verdeutlicht die junge Frau.
Weil sie genau das nicht will und ihr dieses Handwerk Spaß macht, stand schon früh als Ziel die Selbstständigkeit, umso mehr mit ihrer mittlerweile zweijährigen Tochter: „Da weiß man, wofür man arbeitet.“ Als nun in Jarmen ein bestehender Friseurladen schloss und die Tischlerei an der Ortsdurchfahrt ihre Ausstellungsräume reduzierte, hieß es für sie kurzentschlossen jetzt oder nie. Zumal das eine Menge Fahrerei erspart.
Rund vier Wochen dauerten die Umbauarbeiten hinter den großen Schaufenstern an der Demminer Straße direkt gegenüber der Schule. In dieser Zeit mauserte sich das Küchenstudio zu einem Frisiersalon mit Wartebereich und vier Arbeitstischen. „Das war richtig viel Arbeit. Vieles hat mein Vater gemacht, auch mein Freund hat geholfen“, sagt Susann Klöcking.
Ohnehin sei die Familie ein großer Rückhalt, ohne die der Neustart wohl undenkbar wäre. Schließlich schmeißt die 26-Jährige den Laden vorerst allein, und eine Gründungsförderung vom Amt gebe es nicht – dabei sei dies ein gangbarer Weg aus Hartz IV heraus. „Man muss jetzt mal gucken, wie das so anläuft, normalerweise soll noch eine zweite Kraft dazu kommen.“
Zur Eröffnungsfeier am Wochenende jedenfalls konnten die Leute zeitweise kaum noch treten, so voll war es. Und weil sich die ersten Kundinnen prompt zu einem Sofort-Termin entschlossen, kam die frisch gebackene Geschäftsfrau nachmittags gleich mit Schere und Kamm zum Einsatz. Auch sonst will sie nicht streng nach dem Feierabend schauen, allerdings sei eine Terminabsprache wichtig. Bei Bedarf rücke sie am Mittwochnachmittag und am Wochenende auch zu Hausbesuchen an.

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