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Rosa-X gegen Massentierhaltung: Auflagen und Baustopps verhängt

Mit dem großen X stellen sich Naturschützer und Anwohner auf der Montagsinspektion vor der Ferkelfabrik bei Alt Tellin quer.  FOTOs (2): Jörg Spreemann
Mit dem großen X stellen sich Naturschützer und Anwohner auf der Montagsinspektion vor der Ferkelfabrik bei Alt Tellin quer. FOTOs (2): Jörg Spreemann

Von unserem RedaktionsmitgliedJörg Spreemann

Seit über zwei Jahren demonstrieren Anwohner und Umweltschützer jeden Montag gegen die Ferkelfabrik bei Alt Tellin.

Alt Tellin.Günter Hegewald streift sich die Ordnerbinde über den Ärmel seiner Winterjacke. „Die 121. Montagsinspektion, 17 Uhr – es geht los“, kündigt der 69-Jährige mit Blick auf die Straße an. Innerhalb weniger Minuten rollen aus allen Himmelsrichtungen Autos vor Europas größte Schweinezuchtanlage bei Alt Tellin am Tollensetal. „Seit dem 21. Dezember 2010 ist keine Demo ausgefallen“, berichtet der Buchhofer. Auch der lange Winter habe für keine Unterbrechung gesorgt. „Wir sind eben hart im Nehmen“, stellt er klar.
Routiniert packen rund 50Anwohner und Umweltschützer bei Sonnenschein und eisigem Wind Transparente und Plakate aus, mit denen sie gegen die Massentierhaltung in Agrarfabriken demonstrieren. Immer mit dabei ist einen großes rosafarbenes X auf gelbem Untergrund. Ein Signet, das auf jedem Auto klebt. „Das ist unser Zeichen, mit dem wir ein Symbol der Anti-Atom-Bewegung für uns weiter entwickelt haben“, berichtet Jörg Kröger. Das X werde inzwischen bundesweit bei Protesten gegen die Massentierhaltung genutzt.
Der Unternehmer gehört zu den Gründern der Bürgerinitative „Rettet das Landleben am Tollensetal“, die mit dem BUND gegen die Ferkelfabrik des holländischen Investors Adrian Straathof klagt und jeden Montag zur Inspektion vor die Einfahrt in die Stallanlage ruft.
„Wir haben diesen Wochentag in Anlehnung an die DDR-Demos ausgesucht“, erzählt Kröger. Damit sei ein fester Termin entstanden, um den Bau der fast fertigen Ferkelfabrik regelmäßig zu beobachten, ergänzt Günter Hegewald. Dabei sind die Aktivisten immer wieder auf Ungereimtheiten gestoßen, wie zum Beispiel bei der Ableitung von Regenwasser. Dann wurden die Behörden eingeschaltet, die gegen den Investor Baustopps und Auflagen verhängten.
Vom Geschehen auf dem Gelände der Stall-Stadt können Anwohner und Tierschützer heute nichts sehen. Eine Kette von Gärbehältern verdeckt den Blick auf die Stallanlagen. Mit vor Ort sind an diesem Tag Polizisten, die mit drei Fahrzeugen angerückt sind. „Die habe ich angefordert“, sagt Ordner Hegewald. Wegen des anwesenden BUND-Bundesvorsitzenden sei mit höheren Teilnehmerzahlen zu rechnen.
Die Beamten, die von den Demonstranten freundlich begrüßt werden, bekommen wenig Arbeit. Sie sorgen dafür, dass Pkw, Kipper oder Traktoren mit gebremstem Tempo die „Gefahrenstelle“ passieren. Günter Hegewald weiß zu berichten, dass es in der Vergangenheit nicht immer so friedlich an der Einfahrt zugegangen sei. So seien Fahrzeuge aus der Anlage in hohem Tempo auf die Protestler zugerauscht, einmal wurde laut Hegewald jemand mit dem Auto angerempelt.
Die Demonstranten klatschen, nachdem BUND-Bundeschef Hubert Wiegert über die eingereichte Klage gegen die Ferkelanlage mit ihren mehr als 40 000 Tierplätzen berichtet hat. Auch Jörg Kröger nutzt die Chance, um im Namen des lokalen Unternehmerverbands MiLaN gegen die „Agrarindustrie“ Position zu beziehen. „Wir brauchen Arbeitsplätze“, fordert er. Massentierhaltung verhindere, dass sich Angebote im Tourismus und in der Gesundheitswirtschaft entwickeln. Kröger ist Hotelier des Gutshaus Wietzow, wenige Kilometer vom Schweine-Giganten entfernt. „Wie soll ich umweltfreundlichen Tourismus entwickeln, wenn in der Nähe die Schadstoffschleuder steht“, schimpft er.
Die Montagsinspektionen folgen einem festen Ritual. Nach 30 Minuten und dem Schlachtruf „Keine Tierfabriken mehr“ wird die Einfahrt freigegeben. Auf dem Stallgelände entsteht Bewegung: Firmenfahrzeuge mit deutschen, holländischen und polnischen Kennzeichen verlassen das Areal.
Landwirtin Juliane Hesse, mit der Familie vor Ort, packt ihr rosafarbenes Holz-X ein. „Wir haben Flächen in der Nähe und Angst vor Schadstoffen, die in den Boden gelangen“, begründet sie ihre Anwesenheit. Schon jetzt schränke die Anlage die Lebensqualität ein. „Manche Strecken kann man gar nicht mehr mit dem Fahrrad fahren, weil man ständig Lkw im Nacken hat“, bedauert sie.

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j.spreemann@nordkurier.de

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