Nordkurier.de

So jung, so fromm: Mit 31 schon Pfarrer

Am Palmsonntag weht ein zarter Hauch von Frühling an der Anklamer Kreuzkirche.[KT_CREDIT] FOTOs: j. Döbereiner
Am Palmsonntag weht ein zarter Hauch von Frühling an der Anklamer Kreuzkirche.[KT_CREDIT] FOTOs: j. Döbereiner

Von unserem Redaktionsmitglied Jörg Döbereiner

 

Anklam. Im Neun-Uhr-Glockengeläut recken die Bäume vor der Anklamer Kreuzkirche ihre Knospen in den blauen Frühlingshimmel. Drinnen steht Anja Fittig vor der Liedtafel. „Die Glocken läuten eine halbe Stunde vor dem Gottesdienst, um die Leute zu erinnern“, sagt sie, während sie die Holznummern mit den aktuellen Liedern in die Tafel schiebt. Gemeinsam mit ihrem Mann Frank hat sie heute den Küsterdienst übernommen, bei dem sich Familien aus der Gemeinde abwechseln. Wer an der Reihe ist, stellt frische Blumen auf den Altar, zündet die Kerzen an und sorgt dafür, dass das Altartuch die richtige Farbe hat. An diesem Palmsonntag, dem letzten Sonntag in der Passionszeit, trägt das Tuch die Farbe Lila.

Nach und nach trudeln die Gläubigen ein und nehmen auf den braunen Bänken mit den roten Sitzpolstern Platz. Manche tauschen noch leise Neuigkeiten aus, andere werden still und besinnen sich. Kühl ist es in der Kreuzkirche, die auf ihre Besucher zugleich alt und modern wirkt. Alt, weil im Altarraum ein ehrwürdiger Flügelaltar aus bemaltem Sandstein steht, der mehrere Hundert Jahre auf dem Buckel hat. Neu, weil hellgraue Hängelampen von den hölzernen Deckenbalken herab Licht spenden und sich die Gemeinderäume mit einer modernen Glasfassade direkt an die Kirche anschließen.

Noch einmal läuten die Glocken, jetzt heißt das: Gleich geht es los. Als der letzte Schlag verklungen ist, tritt Pastor Jörn-Peter Spießwinkel in den Altarraum, an dessen Stirnseite das orange-gelbe Mosaik im Morgenlicht glänzt. „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, Amen“, beginnt er. Die Mehrzahl der rund 30 Gläubigen, die vor ihm auf den dunkelbraunen Bänken sitzen, sind über 60 Jahre alt, aber auch Menschen mittleren Alters mit ihren Kindern sind gekommen. Sie stimmen ein Passionslied an, das der Pastor gemeinsam mit Kantorin Ruth-Margret Friedrich ausgesucht hat: „Dein Zion streut Dir Palmen und grüne Zweige hin“, singen sie und meinen damit den Einzug Jesu in Jerusalem. Die biblische Geschichte, in der die Bewohner Jerusalems den Weg mit Palmzweigen bedecken, gab dem Palmsonntag seinen Namen.

Auch in seiner Predigt geht Spießwinkel auf die Passionsgeschichte ein. „Jesus hat das Menschsein in seiner ganzen Härte kennengelernt“, sagt er. In knappen, klaren Sätzen vergleicht Spießwinkel dieses Auf und Ab mit dem Alltag der Anklamer. Seitdem er sich genau am Palmsonntag des letzten Jahres seinen Gemeindegliedern vorstellte, ist er einer von ihnen. Noch mindestens zwei weitere Jahre wird der mit 31 Jahren jüngste Pastor des Kreises verbringen, dann ist die Zeit „zur Anstellung“ vorüber.

„Am Anfang spürte ich schon die musternden Augen“, sagt Spießwinkel, nachdem er den Segen gesprochen und auch die letzte Besucherin an der Kirchentür verabschiedet hat. „Aber jetzt fühle ich mich vertrauter.“ Ein bisschen Spannung gehöre trotzdem immer dazu. Das Vorbereiten klappt meistens gut, nur manchmal hat ein Pastor eben so viele Termine, dass es richtig knapp wird – und dann brennt Samstagnacht in der Pfarrwohnung im Gemeindezentrum noch Licht.

Mehr zu diesen Themen
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
×