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So viel Leben, so viel Weisheit auf einem Bild

Jahrtausende Lebenserfahrung auf einem Bild: Trotz des Regens ließen es sich die Jubiläumskonfirmanden nicht nehmen, sich für ein Erinnerungsfoto aufzustellen.  FOTO: Stefan Hoeft
Jahrtausende Lebenserfahrung auf einem Bild: Trotz des Regens ließen es sich die Jubiläumskonfirmanden nicht nehmen, sich für ein Erinnerungsfoto aufzustellen. FOTO: Stefan Hoeft

VonStefan Hoeft

Wo ist nur die Zeit geblieben? Zwei Frauen feierten in Jarmen schon den 75. Jahrestag ihrer Einsegnung. Auch alle anderen Jubilare ab der Goldenen Konfirmation waren zum großen Treffen eingeladen. Mancher nahm weite Wege dafür in Kauf. Und sah sich mit dem Bürgermeister in einer Reihe, der einst eher eine Art Notkonfirmation erlebte.

Jarmen.Deutlich strenger soll früher alles gewesen sein im Konfirmandenunterricht. So jedenfalls bekam es Jarmens heutiger Pastor Dietmar Mahnke immer wieder von den Jubilaren zu hören, die vor mindestens einem halben Jahrhundert diese Stunden unter den Fittichen seiner Amtsvorgänger absolvierten. Und was sie damals alles auswendig lernen mussten! Am Sonntag kehrten mehr als 60 von ihnen zurück an den einstigen Ort ihrer Einsegung oder gar Taufe, im Gepäck all die Erfahrungen von fast bis zu 90 Lebensjahren. Was die so mit sich brachten, darüber gab es schon am Tag zuvor eine Menge zu hören, als sich die Schar traditionell zu einer gemütlichen Kaffeetafel traf und in alten Erinnerungen schwelgte.
Mit von der Partie auch Charlotte Bierhenke aus Leussin, die zusammen mit Liesbeth Klott aus Jarmen jenes Duo bildet, das bereits 1938 vorm Pfarrer kniete und somit nun Gnadenkonfirmation begehen konnte. Was mancher allerdings kaum glauben wollte, rückte die rüstige Seniorin doch fast wie selbstverständlich per Fahrrad aus dem Nachbardorf an. Da waren so einige jüngere Semester deutlich schlechter zu Fuß.
Immerhin sieben der Angereisten – Elli Günther (Jarmen), Ursula Harembski (Berlin), Rudolf Krüger (Zarrenthin), Hilde Podratz (Müssentin), Lotte Schult (Jarmen) und Christel Winter (Travemünde) – feierten Steinerne Konfirmation (70 Jahre), bei weiteren neun war es die Eiserne (65). Zu ihnen gehörte Rita Kortmann, geborene Eberhard, deren Vater einst bei der Kleinbahn in der Peenestadt arbeitete. Später flüchtete die alteingesessene Familie in den Westen. Und da die Geschwister in Köln „hängen blieben“, dürfte die Jubilarin wohl die Person mit dem weitesten Weg an die Peene gewesen sein – rund 700 Kilometer.
Wobei nur ein paar Steinwürfe weiter nördlich ein weiterer Jarmener Jubilar wohnt: Christian Oertel aus Meerbusch, 1953 in Vorpommern eingesegnet. Mit ihm in einer Reihe standen am Sonntag zwei Männer, die ganze besondere Beziehungen zu St. Marien beziehungsweise der Kirche haben: Zum einen Rüdiger Bartels aus Travemünde, der ein Neffe des im Zweiten Weltkrieg gefallenen Jarmener Pastors Traugott Bartels ist, zum anderen Joachim Huse aus Greifswald, Pfarrer i.R. Und Glockensachverständiger, begleitet von der Anklamer Pastorin Petra Huse, seiner Tochter.
Ein lokal prominenter Jubilar fand sich dann in der Schar der 26 Goldkonfirmanden: Jarmens Bürgermeister Arno Karp. Und zumindest der konnte sich nicht über ein zu großes Lernpensum auf seinem Weg zur Einsegnung beschweren. Was weniger mit seinem Willen zu tun hatte als mit seiner Schullaufbahn. Denn weil der spätere Rathauschef Anfang der 1960er-Jahre als guter Turner die damals in Anklam befindliche Kinder- und Jugendsportschule absolvierte, war er die ganze Woche über im Internat. „Da kam ich dann erst Sonnabend nachmittags nach Hause. Da habe ich einiges versäumt.“ Doch obwohl also wenig Zeit für die Kirche und des Pastors Aufgaben blieb, drückte jener alle Hühneraugen zu und gab auch für Karp den Segen.
„Das war eher so was wie eine Notkonfirmation“, meint der heute etwas schmunzelnd.

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