Nordkurier.de

Tod mit 85 Jahren: Anklam trauert um seinen alten Bootsbauer

VonAntje Enke

Er war eine Legende in Sachen Holzbootsbau in Vorpommern. Unzählige Fischerboote zwischen Hiddensee und Usedom waren durch seine Hände gegangen: Karl Freude aus Anklam. In der Nacht zu Montag starb der 85-Jährige in der Greifswalder Uniklinik.
Anklam/Vorpommern.Noch wenige Wochen zuvor hatteKarl Freude sein Segelboot wie alljährlich zu Wasser gelassen, um auch in diesem Sommer die Küstengewässer zu durchstreifen, frühere Kunden zu besuchen und den Ruhestand zu genießen. Karl Freude, geboren 1927, stammte aus einer waschechten Bootsbauerfamilie. Aufgewachsen an der Peene, baute er bereits als Kind heimlich auf dem Dachboden mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Kurt sein erstes Boot. „Das Holz hatten wir unserem Alten geklaut. Als der Kahn fertig war, mussten wir den Türrahmen aufsägen, weil er nicht durchpasste“, erinnert sich Kurt. Mächtig Ärger gab es mit dem Vater damals, als der das mitkriegte.
Das Bootebauen war den beiden Freude-Brüdern sozusagen in die Wiege gelegt. Vater und Onkel hatten an dem jahrhundertealten Werftstandort am Anklamer Peendamm seit 1922 die Freude-Werft geführt. Dort lernten Karl und Kurt das Bootsbauerhandwerk von der Pike auf. Das Gesellenstück musste Karl allerdings verschieben – 1944 schickten die Nazis den 17-Jährigen in den schon verlorenen Krieg, zur Stettiner Flakabwehr. Der junge Anklamer überlebte, geriet aber in russische Gefangenschaft und musste fünf Jahre nach Sibirien. Als er zurückkehrte, stand sein Elternhaus am Peendamm nicht mehr. Es war wie fast alle Häuser der Innenstadt in den letzten Kriegstagen dem Beschuss durch deutsche Truppen, die sich auf dem Rückzug befanden, zum Opfer gefallen.
Seine Verlobte Irmgard dagegen war noch da – sie hatte die Hoffnung auf Karls Rückkehr nie aufgegeben und blieb bis zu ihrem Tod vor wenigen Jahren als seine Ehefrau an Karls Seite.
1956 übernahmen Karl und Kurt Freude das Familienunternehmen von Vater und Onkel. Mehr als 30 Jahre lang – bis 1990 – bauten und reparierten sie unzählige Fischerboote. Wie seit Jahrhunderten legten sie in ihrer Werft am Anklamer Peene-ufer neue Boote auf Kiel, die gesamte DDR-Zeit über als
privater Betrieb. „Sie kamen auch und wollten uns in die PGH haben, aber warum sollten wir das machen?“, erinnert sich heute Kurt Freude. Drohungen seitens des Staates, den Kredithahn zuzudrehen, verpufften. „Unser Kredit war unser Holzlager auf dem Hof, das für viele Jahre reichte“, lächelt der 83-Jährige noch heute verschmitzt.
1990 zogen sich die beiden alten Bootsbauer aus dem aktiven Geschäft zurück und widmeten sich ihrer zweiten Leidenschaft: dem Segeln. Darin hatten sie bereits seit den 1960er-Jahren von sich reden gemacht und mehrmals u.a. bei der Ostseewoche Pokale geholt. Auf dem Wasser traf man sie in den vergangenen Jahren den ganzen Sommer über an. Hiddensee, Rügen, Fresst, aber auch Bornholm gehörten zu ihren Zielen. „Uns Muddel“ und „Andromeda“ – so die Namen der beiden Motorsegler – waren und sind nicht wirklich wegzudenken aus dem Segelrevier Vorpommerns und haben ihre Spuren hinterlassen. Diese werden bleiben, auch wenn Karl Freude nun seine letzte Reise angetreten hat.

Mehr zu diesen Themen
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
×