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Abend-Andacht reißt die Zuhörer mit

Voll in Aktion: Gekleidet im schwarzen Frack leitete Thomas Beck die Monteverdi-Aufführung.
Voll in Aktion: Gekleidet im schwarzen Frack leitete Thomas Beck die Monteverdi-Aufführung.

VonGeorg Wagner

Mehr als 200 Sängerinnen und Sänger aus Demmin und Greifswald ließen in
St. Bartholomaei ein selten aufgeführtes Werk erklingen: Monteverdis „Marienvesper“.

Demmin.Wenn in einer zutiefst protestantischen Kirche zutiefst katholische Marienverehrung erklingt, dann muss das kein Zeichen von Ökumene sein. Vielmehr kann es auch um europäische Kultur- und Musikgeschichte gehen. Tief in in diese hatte der Demminer Kirchenmusikdirektor Thomas Beck für das große Sommerkonzert der Kantorei gegriffen. Herausgekommen war Claudio Monteverdis Marienvesper, ein anspruchsvolles Werk zwischen Renaissance und Barock für Chöre und Solisten. Noch dazu begleitet auf historischen Instrumenten wie Zinken, Gamben oder der vielsaitigen Chitarrone.
Das wollten sich viele Musikfreunde nicht entgehen lassen. Rund 450 Besucher bereiteten am Ende dem Dirigenten und dem Klangkörper minutenlange stehende Ovationen. „Diese Vielstimmigkeit“, lobte etwa der frühere Peenechorleiter Jürgen Heuer die Aufführung, „hat man ja sonst nicht.“
Tatsächlich hatte Thomas Beck gemeinsam mit dem Greifswalder Professor Jochen A. Modeß ein beeindruckendes Ensemble in St. Bartholomaei zusammengezogen. Mehr als 200 Sängerinnen und Sänger füllten das Podium im und vor dem Altarraum. Kantorei und Jugendkantorei Demmin, Greifswalder Domchor und Domkinderchor, dazu der Kammerchor „Greifvocal“ und fünf Solisten, begleitet vom Barockorchester „Musica Baltica“ ließen schon im ersten Vers ein monumentales „Gloria“ erklingen. Und während die voranschreitende Dämmerung die Buntglasfenster im Altarraum dunkler färbte, trugen die einzelnen Ensembles Psalm für Psalm, Concerto für Concerto eine Andacht vor, die nicht nur zunehmend an Leichtigkeit gewann, sondern auch immer wieder spirituelle Gewissheit spüren ließ und beinahe luzide Klarheit.
Dabei dominierte in Becks Aufführung die Stimme, während die kleine kammermusikalische Begleitung den Gesang hob wie ein klingendes Gemälde aus dezenter Grundierung. Einfach war es nicht, die unterschiedlichen Gruppen zum harmonischen Ganzen zu formen. „Das hat schon seine Tücken beim Üben“, gab Thomas Beck zu und lobte die „tolle Zusammenarbeit“ mit Professor Modeß. „Anders wäre das nicht zu stemmen gewesen.“ Ohne die Greifswalder Chöre wäre das Stück aber so auch kaum möglich gewesen. Denn zur Zeit Monteverdis setzten Dirigenten die Chöre auf verschiedenen Emporen in Szene, um räumlichen Klang zu erzeugen wie eine Art frühneuzeitlichen Dolby Surround. Das war zwar in Demmin nicht möglich, doch wechselte zumindest der Tenor Benjamin Kirchner immer wieder auf eine der Seitenemporen.
Fast zwei Stunden dauerte die von Chorsätzen geprägte Aufführung, ehe sich das bis dahin fast atemlos stille Zuhören im begeisterten Schlussapplaus Bahn brach und Thomas Beck immer wieder Glückwünsche erhielt. Auch von Profis. „Das“, sagte der Tenorsolist Ulrich Cordes nach dem Umkleiden, „war heute wirklich ein Erlebnis.“

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