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Alte Samen für heutige Gärten

Zeitweilig herrschte an den Ständen im alten Speicher dichtes Gedränge. Viele Besucher suchten nach Saatgut für den eigenen Garten.  FOTOs: Georg Wagner
Zeitweilig herrschte an den Ständen im alten Speicher dichtes Gedränge. Viele Besucher suchten nach Saatgut für den eigenen Garten. FOTOs: Georg Wagner

Von unserem Redaktionsmitglied
Georg Wagner

Dutzende Sorten Trockenbohnen, gefüllte Schneeglöckchen, essbare Margeriten: Die dritte Demminer Saatguttauschbörse gab vielen Gartenfreunden Anregungen für die Saison – und hatte auch einen politischen Aspekt.

Demmin.Als es im Lübecker Speicher allmählich ans Zusammenräumen ging, stand für Nicole Nowak aus Alt Gatschow fest, dass es nicht die letzte Veranstaltung dieser Art war. „Das geht weiter“, war sie sich sicher. Denn den ganzen Nachmittag über hatte am Sonnabend in dem historischen Speicher dichtes Gedränge geherrscht. Obwohl es wegen des langen Winters in hiesigen Gärten noch kaum Schösslinge zum Pflanzen gibt, hatte die vom „Hof Ulenkrug“ aus Stubbendorf und dem Lübecker Speicherverein veranstaltete, dritte Demminer Saatguttauschbörse zahlreiche Menschen aller Altersklassen an den Demminer Hafen gelockt. Teils, um nur zu schauen und teils, um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen oder auch um etwas Neues für den heimischen Garten zu finden. So wie Maria Wilke. Sie hielt schon nach kurzer Zeit einen Topf mit einem Yacon-Schössling in der Hand, einem südamerikanischen Wurzelgemüse, das birnenartig schmecken soll. „Ich kenne es noch nicht und will es einmal ausprobieren“, erzählte sie.
Ein Gedanke, der wohl viele der Besucher bewegte, die an Samen schnupperten, eigenes Gartengut tauschten und sich für die neue Gartensaison mit alten Pflanzen- und Gemüsesorten eindeckten. Gerade die bereit zu stellen, zählte zu den Zielen der Veranstalter. Ihnen ging es auch darum, die genetische Vielfalt zu erhalten und Saatgut abseits von Monokulturen und patentrechtlichem Schutz zu bewahren.
Ein politischer Aspekt, der schon auf den Handzetteln mit der Einladung erkennbar war. „Je mehr Börsen wir veranstalten“, stand dort zu lesen, „umso weniger haben die Konzerne uns in der Hand.“ Mitglieder des Hofes Ulenkrug wie Ieke Dekker hatten schon vor zwei Jahren in Brüssel an einer Demonstration gegen das von der EU geplante, neue Saatgutrecht teilgenommen und verfolgen dieses Ziel auch mit Aktionen wie der Börse im Lübecker Speicher. „Dass nur noch Konzerne wie Monsanto entscheiden, was in unseren Gärten wächst, darauf haben wir keine Lust“, sagte sie. Mit Börsen wie der im Lübecker Speicher lässt sich nach ihrer Ansicht zumindest ein Stück weit dagegen angehen. Zumal in Deutschland und international diese Bewegung nach Kenntnis des Hofes Ulenkrug zunimmt. „Das Interesse der Menschen an der Herkunft ihrer Nahrungsmittel wächst“, meint Anne Schweigler.
Zeit für die Bewahrung alter, bäuerlicher Sorten ist es nach Ansicht von Nicole Nowak allemal. Denn in den letzten hundert Jahren seien rund 75 Prozent der regionalen Sorten verschwunden. Dabei seien die an das jeweilige Klima angepasst, was auch global für die Landwirtschaft wichtig sei. Denn die sei vielfach noch bäuerlich strukturiert.
Solche Gedanken mögen nicht jedem der Besucher gekommen sein, doch die Freude an der gärtnerischen Vielfalt teilten viele. Karl Frank etwa. Der Rentner hat zwar mittlerweile selbst keinen Garten mehr, das Interesse daran aber nicht verloren. Einen solchen Platz für die alten Sorten zu bieten, sagte er über die Tauschbörse, während er an einem Glas mit Baumspinatsamen schnupperte, sei „eine wunderbare Einrichtung. Wenn ich nur sehe, wie viele Sorten Bohnen es hier gibt. Vieles ist ja vergessen.“

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g.wagner@nordkurier.de

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