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Altes Haus im Wald wachgeküsst

Am historischen Ort Voelschow Berg gingen auch historische Bilder durch die Reihen. Der Vortrag des Stadtchronisten fand viele interessierte Zuhörer. Der Saal des einstigen Lokals „Waldeslust“ war voll. Es kamen mehr Leute als erwartet. [KT_CREDIT] FOTOs: Kirsten Gehrke
Am historischen Ort Voelschow Berg gingen auch historische Bilder durch die Reihen. Der Vortrag des Stadtchronisten fand viele interessierte Zuhörer. Der Saal des einstigen Lokals „Waldeslust“ war voll. Es kamen mehr Leute als erwartet. [KT_CREDIT] FOTOs: Kirsten Gehrke

Von Kirsten Gehrke

Waldeslust oder Voelschow Berg, egal wie es die Demminer nennen, irgendeine Geschichte um das einstige Ausflugslokal hat fast jeder über 50 zu erzählen.

Demmin.Der Weg durchs Devener Holz war ein Weg in die Vergangenheit. „Ich hab’ hier mal gearbeitet“, sagte Hannelore Schwarz und musterte den Saal. Sie war über die LPG in der Küche, ihr Mann Hausmeister – nach der Wende. „Früher war hier viel los.“ Die Demminerin wollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, noch mal nach „Voelschow Berg“ zu kommen. „Ich war neugierig“, gab sie zu. „Ich musste das unbedingt sehen.“ Genau wie Vera und Hans-Jürgen Wilhelm. Lange Zeit haben sie das Haus kaputt gesehen, jetzt wollten sie mal schauen, was daraus geworden ist. „Wir haben ja schon viel gehört“, meinte Vera Wilhelm. Sie finden es toll, dass der
29-jährige Christoph Peisker dem einstigen Ausflugslokal „Waldeslust“ wieder Leben einhauchen will. Der junge Mann, von Hause aus Pyrotechniker, hat vor drei Jahren das historische Gebäude gekauft und baut es nach und nach aus. Zu Ostern hatte er zum ersten Mal die Türen für die Öffentlichkeit wieder geöffnet. Am Montagnachmittag hatte er das Haus voll mit Senioren. Der Sozialverband VdK, die Singegruppe Törpin und die Selbsthilfegruppe „Frauen nach Krebs“ luden sich Demmins Stadtchronisten Heinz-Gerhard Quadt für einen Vortrag an den historischen Ort. Nicht nur Mitglieder kamen, sondern auch interessierte Hansestädter wollten die Geschichte über das Devener Holz hören.
Mit „Voelschow Berg“ verbinden viele eine besondere Geschichte, wie Peter Plautz und Horst Wittwer. Sie lernten sich in den 1950er-Jahren als Kinder kennen. Horst Wittwer wohnte im „Waldeslust“. Seit Vater war Sudetendeutscher. Die Familie wurde wie andere auch auf „Voelschow Berg“ als Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg untergebracht. „Sechs bis sieben Familien lebten hier, bis zu 30 Leute waren das.“ Wasser mussten sie sich von der nahen Peene holen. „Meine Mutter hat noch die Windeln in der Peene gespült“, erinnerte sich Horst Wittwer. Erst 1958/59 sei eine Wasserleitung verlegt worden.
Peter Plautz war der Sohn des letzten Gastwirts im Schützenhaus unterhalb von „Voelschow Berg“. Er hat oft mit den Flüchtlingskindern gespielt. „Wir haben so manche Streiche gemacht“, erzählte er schmunzelnd. „Es war eine schöne Kindheit.“ Zu DDR-Zeiten sei „Voelschow Berg“ kein Lokal mehr gewesen, erst kurz vor der Wende wieder.
Als die Flüchtlinge woanders Wohnraum gefunden hatten, habe „Waldeslust“ seit 1980 leer gestanden. Eine Anni Meier sei die letzte Mieterin gewesen. „Wenn die LPG damals das dann nicht übernommen hätte, wäre das Haus so wie das Schützenhaus verfallen“, glaubt Peter Plautz. Nur wenige Jahre nach der Wende sei es jedoch noch bewirtschaftet worden.
Horst Wittwer indes drückt Christoph Peisker fest die Daumen für „Voelschow Berg“. „Er ist jetzt in dem Alter wie ich, als ich anfangen wollte“, sagte er. „Aber wenn die Stadt nicht mitmacht, ist es ein tot geborenes Kind.“ Wie der 62-Jährige erzählte, wollte er damals in den 1980-ern das Gebäude privat übernehmen und wieder eine Gaststätte daraus machen. Am Umbau sei er noch beteiligt gewesen. „Über Seilschaften hat dann aber die LPG das für einen Appel und ein Ei bekommen.“ Die LPG habe sogar noch zehn Bungalows im Wald bauen wollen.
Wie Stadtchronist Heinz-Gerhard Quadt sagte, wurde das Waldlokal 1840 gebaut und war das erste in Demmin. Auf dem Hügel fing es mit einem Holzimbiss an. Weil das Haus dann einem Voels gehörte, sei es schnell als Voelsches Etablissement bezeichnet worden. „So wurde es Voelschow Berg.“ Eigentlich sei der Name „Waldeslust“. Im Saal, wo Quadt jetzt seinen Vortrag hielt, hat im Januar 1994 noch ein historisches Ereignis stattgefunden. „Da war der Saal noch viel voller als heute, standen keine Tische hier, nur Stühle“, erzählte er in die Menge. Das Blasorchester spielte, die Stadtausrufer aus Deventer (Holland) und Lübeck waren da. Denn Demmin erhielt den Beinamen Hansestadt und habe das mit Festempfang gefeiert. Damals hätten noch zwei prachtvolle Öfen im Saal geprangt. „Als Herr Peisker das Haus übernommen hat, waren sie nicht mehr drin“, so Quadt.

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k.gehrke@nordkurier.de

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