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Am Bau herrschen die Spezialisten

Trockenbau in der Goethestraße: Hartmut Sprycha beim zuschneiden von Platten. So nahe wie in diesem Fall sind für das Unternehmen von Thomas Kistenfeger die Aufträge selten.  FOTO: Georg Wagner
Trockenbau in der Goethestraße: Hartmut Sprycha beim zuschneiden von Platten. So nahe wie in diesem Fall sind für das Unternehmen von Thomas Kistenfeger die Aufträge selten. FOTO: Georg Wagner

VonGeorg Wagner

Seit vor neun Jahren in Demmin die Bauhand-
werkervereinigung zusammenbrach, gibt es hier kein großes Bauunter-
nehmen mehr. Das bedauert auch die „Konkurrenz“.

Demmin.Wenn der Demminer Bauamtsleiter Dietmar Schmidt Unternehmen für Aufträge sucht, dann hat er des Öfteren weniger die sprichwörtliche Qual der Wahl. Vielmehr lastet auf ihm immer wieder einmal der Druck, überhaupt einen Betrieb zu finden. „Wir würden gerne Aufträge in der Region vergeben, aber wenn die Betriebe voll sind, wird das schwierig“, sagt er. Gerade das kommt des Öfteren vor. Denn Demmin hat eines nicht: ein großes Bauunternehmen.
Der Zusammenbruch der Bauhandwerkervereinigung (BHV) vor rund neun Jahren hat eine spürbare Lücke in den Firmenmix der Hansestadt gerissen. „Das Problem für uns besteht darin, bei Ausschreibungen Unternehmen zu finden, die sich beteiligen“, beschreibt Schmidt eine Folge. Eine wirkliche Nachfolge für die BHV ist nicht mehr entstanden. Einen möglichen Grund dafür vermutet Schmidt in der seither herrschenden Marktlage. Der Bauboom der 90er-Jahre ist vorbei. „Was nach der Wende zu machen war, ist abgearbeitet.“
Der Kuchen, um den die Firmen konkurrieren, ist kleiner geworden. Heute entstehen im Hochbau vor allem Eigenheime, dazu kommen von der öffentlichen Hand Sanierungen oder Instandsetzungen. Beispielsweise von der kommunalen Demminer Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft (WVG).
Deren Geschäftsführer Roman Gau sieht sich mit ähnlichen Problemen konfrontiert wie das Bauamt selbst. Er hält das Verschwinden der großen BHV eher für einen Nachteil. „Sie war sehr breit aufgestellt“, sagt er. Vom Tiefbau über Hochbau bis zur Dachdeckerei reichte das Leistungsspektrum und zugleich brachte sie auch Aufträge für andere Firmen mit sich. Mittlerweile hätten sich die verbliebenen kleineren Firmen spezialisiert. „Man hat nicht mehr nur einen Ansprechpartner, sondern für jedes Gewerk eine eigene Firma.“ Teilweise sei das vorteilhaft, besonders bei größeren, ausschreibungspflichtigen Maßnahmen aber auch nachteilig. Denn die gingen nach draußen. „Eigentlich ist es schade“, findet Gau. „Wenn noch eine größere Firma hier ansässig wäre, könnten auch diese Aufträge hier bleiben.“ Auch auf der Seite der Auftragnehmer gibt es Bedauern über das Verschwinden der großen BHV-Konkurrenz. „Das ist eher schlecht“, sagt Thomas Kistenfeger unumwunden. Er hat eine von jenen Baufirmen, die sich stark spezialisiert haben. 1997 machte er sich im Bereich des Trockenbaus selbstständig. Damals hatte er vier Mitarbeiter, mittlerweile sind es acht. „Wenn es einen größeren Betrieb gibt, dann hängt man als kleinerer mit hinten dran und muss sich nicht immer so strecken“, sagt er. Etwa 80 Prozent seiner Aufträge kamen anfangs von der BHV. „Das war einfach bequemer.“
Darauf ausgeruht hat er sich allerdings nicht, sondern sich neue Kunden erschlossen. Mittlerweile arbeiten seine Leute nach seiner Auskunft auf Baustellen von Stralsund über Usedom und Greifswald bis Neubrandenburg. Das sind zwar weitere Wege, doch Kistenfeger weiß auch um die Nachteile einer zu starken Bindung an einen großen Auftraggeber: „Wenn der pleite geht, ist es auch nicht das große Los.“

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