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Auf Entführer wartet die Psychiatrie

Der 23-jährige Christian B. (links) musste sich am Mittwoch vor dem Landgericht Neubrandenburg unter anderem wegen Freiheitsberaubung und versuchtem erpresserischen Menschenraubes verantworten. Er hatte aus Geldgier im November den Beggerower Bürgermeister Wolf-Peter Peetz in seinem Haus überfallen, schwer verletzt und gefesselt. Anschließend entführte er ihn mit dem Auto des Opfers. [KT_CREDIT] FOTO: Kirsten Gehrke
Der 23-jährige Christian B. (links) musste sich am Mittwoch vor dem Landgericht Neubrandenburg unter anderem wegen Freiheitsberaubung und versuchtem erpresserischen Menschenraubes verantworten. Er hatte aus Geldgier im November den Beggerower Bürgermeister Wolf-Peter Peetz in seinem Haus überfallen, schwer verletzt und gefesselt. Anschließend entführte er ihn mit dem Auto des Opfers. [KT_CREDIT] FOTO: Kirsten Gehrke

VonKirsten Gehrke

Wie viele Jahre muss jemand in den Knast, der einen Bürgermeister mit dem Hammer schlägt und ihn kidnappt? Das Urteil trifft nicht auf die ungeteilte Zustimmung des Opfers.

Beggerow/Neubrandenburg.Wolf-Peter Peetz hat mit mindestens sechs Jahren gerechnet. Nach dem Urteilsspruch bleibt der 68-Jährige eine Weile fassungslos sitzen. „Das ist doch alles Spielerei“, meint er leise. „Wenn alle meinen, die Kopfverletzung wäre nicht gefährlich, dann sollen sie sich mal eine verpassen lassen.“ Er schüttelt mit dem Kopf. Es könne doch nicht sein, dass nach der juristischen Begründung der Angeklagte ein Engel sei. „Weil er nichts dafür kann?“ Zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und drei Monaten hat das Landgericht Neubrandenburg am Mittwoch den Mann verurteilt, der im November 2012 den Beggerower Bürgermeister in seinem Haus überfallen, schwer verletzt und gefesselt sowie anschließend in seinem Auto entführt hatte. Peetz wird diese Nacht nie vergessen. Der 23-jährige Angeklagte aus Greifswald soll in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden.
„Ich bin nur froh, dass mich die Mediziner wieder so hinbekommen haben“, sagt indes Peetz. Er leidet noch immer an den Folgen. Zur Verhandlung begleiten ihn seine Geschwister und der Sohn. Sie geben ihm Halt. Es ist nicht leicht, wieder auf seinen Peiniger zu treffen. Der sitzt regungslos auf der Anklagebank. Christian B. schaut nach unten. Sein Blick ist starr. Er wirkt wie ein armes Würstchen, schüchtern, so als könne er keiner Fliege etwas zu Leide tun. Nur die Augen bewegen sich nervös ein bisschen hin und her. Er streitet nichts ab, gibt zu, aus Geldnot gehandelt zu haben.
Ein Kumpel im Dorf habe ihm gesagt, beim Bürgermeister sei etwas zu holen. Anfang November sei er dann zu Peetz‘ Haus gegangen, habe die Scheibe der Terrassentür eingeschlagen und die Wohnung durchsucht. Nur 100 Euro Bargeld war seine Beute. In der Nacht zum 16. November kam er noch einmal - mit Handschuhen, Messer, Zimmermannshammer und Klebestreifen. Diesmal aber war Peetz zu Hause. Der hörte das Klirren der Scheibe. „Er kam auf mich zu“, sagt Christian B. Darauf habe er den Arm gehoben und den Hammer auf seinen Kopf geschlagen. „Er ist zusammengesackt.“ Weil er aufstehen wollte, habe er noch mal zugeschlagen, diesmal auf die Knie. Im Schlafzimmer habe er ihn dann gefesselt und geknebelt. Weil er in der Wohnung kein Geld, nur Fernseher und DVD-Player als Beute fand, sei er mit ihm zum Auto, habe ihn reingelegt und wollte zu seinen Verwandten fahren, weil er dort Portemonnaie und EC-Karte vergessen haben wollte. „Ich hab mich verfahren, bin beim Umdrehen dann in den Straßengraben“, erinnert er sich. Dann war auch schon die Polizei da. Die hatte gerade auf der L 27 einen Schwertransport begleitet.
Auf Wolf-Peter Peetz hat der Angeklagte indes überfordert gefühlt. „Er ist unplanmäßig durchs Haus gelaufen“, sagt er im Zeugenstand. Als er sich die Handschuhe anziehen wollte, seien diese gerissen, das Auto habe er nicht rückwärts aus der Garage fahren können. „Wir sind fast alle Orte mehrmals durchfahren.“ Was der 23-Jährige mit ihm vorhatte, das weiß Peetz nicht. Seit dem Überfall habe er Angst allein im Haus, gehe mit komischem Gefühl ins Bett, reagiere auf jedes kleinste Geräusch. Der Beggerower bestätigt, dass jener Kumpel, von dem Christian B. den Tipp mit seinem Haus hatte, auf ihn mehr als sauer war. Denn mit der Familie gab es in einem Gemeinde-Wohnblock nur Ärger - wegen Kleintieren, Misthaufen auf dem Wäscheplatz und Mäusezirkus. Die Kommune ließ den Keller räumen. Doch Christian B. streitet ab, dass der Kumpel von seinem Vorhaben gewusst hat, gibt aber zu, dass Hammer und Messer von jenem stammten.
Ein psychiatrischer Gutachter bescheinigt dem 23-Jährigen eine schwere Persönlichkeitsstörung und verminderte Schuldfähigkeit. Er sei gefühlsarm, habe kaum ein Selbstwertgefühl, sei von seiner alkoholkranken Mutter vernachlässigt worden, kam in Heime und zu Pflegeeltern. Bis zu seinem 11. Lebensjahr sei er „nur verwaltet worden“. Deshalb rate er zu einer Therapie. Ohne die würde er immer wieder straffällig werden. Richter Klaus Kabisch bleibt unter dem Antrag von Staatsanwalt Johannes Simon, aber weit über dem des Verteidigers Arne Jonas. Auf vier Jahre und neun Monate hatte Simon plädiert, Jonas auf drei Jahre und sechs Monate. Die Einweisung in eine psychiatrische Klinik haben alle gefordert. Christian B. entschuldigt sich bei Peetz und liest ab, wie leid es ihm tut.

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k.gehrke@nordkurier.de

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