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Aus „Modder“ Bausteine gezaubert

Von Kirsten Gehrke

So gut wie keine Heizkosten? Wer wünscht sich das nicht. In Gatschow konnte man jetzt lernen, wie das gehen kann.

Gatschow.Die Sonne kommt gerade recht. Da können die Rohlinge gut an der Luft trocknen. Xiao schippt Sand in die Wanne und gießt Wasser dazu. Der 32-Jährige, von Hause aus Finanzbuchhalter aus Berlin, experimentiert, muss die richtige Mischung finden. Der Matsch darf nicht zu dünn sein, sonst lässt er sich nicht formen. Marek (29) mixt die Lehmmischung wie einen Kuchenteig durch, mit großem Rührwerk versteht sich. Das kostet Kraft. „Aber es macht Spaß“, meint er.
Ist der Lehm richtig durch, werfen die Männer schwungvoll ihn Kugel für Kugel mit der Hand in eine Form, damit die Masse dichter wird. Fünf Steine auf dem Brett können sie gleichzeitig herstellen. Sie klopfen den Matsch fest, kratzen die Reste ab, lösen die Form und stellen die Rohlinge in die Sonne. Viel Energie einsetzen müssen sie nicht.
Wie simpel sich Baustoffe regional gewinnen lassen, das lernten junge Leute jetzt auf der offenen Lehmbaustelle im Landkombinat Gatschow. In verschiedenen Workshops drehte sich alles um Lehm und ökologisches Bauen. Viele Häuser in der Gegend seien einst mit Lehmsteinen per Hand gebaut worden, sagt Initiator Stefan Raabe vom Verein. Viele wüssten gar nicht mehr, wie einfach man sich selbst den alten Baustoff ohne Industrie noch herstellen und verwenden kann.
Das Landkombinat möchte, dass sich die Bauweise wieder verbreitet und sich entwickelt. „Wir wollen Hilfestellung für Selbstbauer geben.“ Eigens dafür wurde im vergangenen Jahr experimentell auf dem Hof in Gatschow ein Strohballenhaus gebaut, das jetzt in den Workshops verputzt wurde. Mit 35 Zentimetern Dämmung, warm eingepackt, verbraucht es kaum Heizenergie. Die Baukosten für das umweltfreundliche Gebäude seien sehr gering gewesen. Nur Zeit brauchte man. Das Stroh, zu Handballen gepresst, kam direkt vom Acker aus dem Dorf, der Lehm aus dem Erdaushub von der Baustelle der nahegelegenen Windkraftanlagen. „Ganz unkompliziert und regional“, so Raabe.
Martin Büchler (25) aus Köln war 2012 wie jetzt dabei. „Das ist alles super interessant“, meint der Zimmermann, der Bauingenieurwesen studiert. Er schreibt in dieser Woche seine Abschlussarbeit im Strohballenbau. Da sei die Praxis in Gatschow genau richtig gewesen. Holz und Lehm habe eine lange Tradition. „Beides sind ökologische Baustoffe, der eine ist nachwachsend, der andere recycelbar“, so Büchler. Sarah Jehle (28) aus Eberswalde fand schon als Kind den Garten ihrer Eltern ein Abenteuerspielplatz. „Ich bin ein Matschkind von Hause aus“, meint die Studentin für Naturschutz und Ökolandbau.
Außenputz anzubringen sei ziemlich anstrengend gewesen, aber auch faszinierend, wie man organische Formen so hinkriegt, dass alles nicht so eckig sei. Dadurch wirke es viel lebendiger. Neugierig war auch Marek Fabianowski (29) aus Polen, der auf der Homepage des Fachverbandes für Strohballenbau von Gatschow gelesen hatte. Wie Stefan Raabe erklärt, werden die Workshops von der Norddeutschen Stiftung für Umwelt und Entwicklung und vom Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie unterstützt.

Kontakt zur Autorin
k.gehrke@nordkurier.de

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