Februar 22, 2012
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Museen von Redaktion

Christi Irrfahrt ist noch nicht zuEnde

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Ein altes Altarbild aus dem Bestand des Regionalmuseums. Seine Herkunft ist unklar, vermutlich kam es mit den Flüchtlingstrecks aus dem Osten nach Demmin. FOTO: Museum
Von unserem Redaktionsmitglied
Thoralf Plath

Seit vielen Jahren lagert ein rätselhaftes Altarbild im Magazin des Demminer Museums. Woher es stammt, weiß niemand, vermutlich kam es mit den Flüchtlingstrecks aus dem Osten nach Demmin. Nun ist es behutsam restauriert worden. Die Frage bleibt: Wohin damit?

Demmin.Das Bild ist ein Mysterium. Ziemlich wahrscheinlich stammt es aus einer Kirche, darauf lässt die Größe schließen, zweieinhalb mal dreieinhalb Meter, und dann die biblische Szene, drei Kreuze auf dem Berg Golgatha, in der Mitte der sterbende Christus, so etwas hängten sich die Leute gemeinhin nicht ins Wohnzimmer. „Vielleicht hat es ein Pastor vor der Flucht in seiner Kirche abgenommen und mitgebracht. Wir wissen es nicht. Für viele Kunstwerke begann damals in den wirren Tagen vor und nach dem Kriegsende eine regelrechte Odyssee“, sagt Hans Clemens, Leiter des Demminer Regionalmuseums.
Dort, im Magazin des einstigen Kreisheimatmuseums, lagerte das Bild jahrzehntelang so, wie es abgegeben worden ist: auf Koffergröße zusammengefaltet und verschnürt. Dass es aus dem Osten stammt, aus Hinterpommern vielleicht oder Ostpreußen, liegt nahe. Viele Trecks der Flüchtlinge zogen durch Vorpommern. Auch im Rahmen organisierter Evakuierungen gelangten Kulturgüter hierher, ein Teil der berühmten Königsberger Prussia-Sammlung landete auf diese Weise im Gutshaus Broock.
Clemens kann sich vage erinnern, dass er das verschnürte Paket einmal flüchtig angeschaut hat, in den 1980er Jahren, das Museum saß damals noch in der Pompestraße. „Es lag im Archiv, oben unter dem Dach. Aber näher damit beschäftigt hat sich damals niemand.“ Das wundert kaum. Auf allem, was mit Flucht und Vertreibung zu tun hatte, lag zu DDR-Zeiten eine Decke des Schweigens. Offiziell war das Thema tabu. Am ehesten hatten noch Historiker die Chance, sich ihm zu nähern, doch auch das blieb eine Gratwanderung. Erst nach der Wende löste sich der Krampf.
Trotzdem sollte es noch einmal 20 Jahre dauern, bis das rätselhafte Altarbild aus dem Dunkel der Archivalien auftauchte. Nach dem Übergang des Kreisheimat- in ein vereinsgetragenes Regionalmuseum 2010 begannen Petra und Hans Clemens, gezielt und methodisch den Bestand aufzuarbeiten – eine Arbeit, die bis heute immer wieder Überraschungen zutage fördert. Zu den Überraschungen zählte auch das Altarbild. „Es war eine Wiederentdeckung“, sagt Petra Clemens. Auseinandergefaltet, zeigte schon eine erste Expertise, dass es sich um ein Werk von hohem künstlerischen Wert handelte.
In den nächsten Wochen wird das Museum das Bild nun wieder in Empfang nehmen. Zurzeit liegt es in der Werkstatt von Wolfram Vormelker. Der Restaurator aus Klingendorf bei Rostock hatte einen diffizilen Auftrag: die Farbschichten zu sichern, ohne jene Schrammen und Brüche zu retuschieren, die durch das Verstauen der Leinwand in einem Fluchtkoffer und den Transport entstanden. „Diese Spuren sind zu einer weiteren Dimension der Geschichte geworden, die das Bild uns erzählt“, sagt Clemens. Es ist Ansichtssache und setzt kritische Abwägung voraus, ob diese Dimension in jedem Fall erhaltenswert ist. Hier soll es so sein. Dann ist es gut.
Die behutsame Rettung des verschlissenen Gemäldes, finanziert mit Hilfe von Spenden, ist fast abgeschlossen. Restaurator Vormelker wird es demnächst auf einen neuen Rahmen spannen und mit einer stabilisierenden Trägerleinwand versehen. „Wir werden das Bild gebührend empfangen“, kündigt Clemens an. Und dann?
Die Frage ist offen. Der Trägerverein des Regionalmuseums hätte es am liebsten in St. Bartholomaei gesehen, vielleicht im Kontext eines Erinnerungsortes an die Opfer von Flucht und Vertreibung. Doch der Kirchengemeinderat lehnte ab. Kein Bedarf an dem fremden Christus. Das Bild sei erstens zu groß und zweitens fehle ihm der kunstgeschichtliche Bezug zu St. Bartholomaei, schrieb das Gremium dem Museum kurz vor Weihnachten vorigen Jahres. Das Altarbild passe schlichtweg nicht in die Demminer Kirche. Schade eigentlich. Oder?
Hans Clemens findet das gar nicht. „Es hat auch sein Gutes. Wir suchen nun weiter nach einem angemessenen Platz für das Bild, nach einem Ort, der von seiner Intention und vom Kontext her zum Inhalt wie auch zur unbekannten Herkunft passt.“ Möglicherweise wird das den Darguner Pastor Klaus Hasenpusch aufmerksam machen. In seiner Klosterkirche hängt ein modernes Triptychon von Sylvester Antony, das zur Kulturgeschichte von St. Marien streng genommen kaum passte.
Eigentliches Ziel der Museumsleute bleibt es, den Herkunftsort des Kirchenbildes herauszubekommen. „Denn dort gehört es natürlich hin, und in diese Richtung werden wir auch weiter forschen“, sagt Clemens. Einstweilen wird das Bild in Demmin bleiben müssen. Vermutlich im Lübecker Speicher. Denn es gibt ein Problem: Ins Museum passt es künftig nicht mehr. Der Rahmen ist zu groß.

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