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Drogenfahrt: „Ich wollte einfach nur so cool tun“

VonKirsten Gehrke

Mit Alkohol am Steuer war ein 20-Jähriger schon mal erwischt worden. Dennoch setzte er sich erneut angetrunken ins Auto und erhielt nun vor Gericht die Quittung.

Demmin.Der Alkohol zieht sich wie ein roter Faden durch Peer R’s Leben (Name geändert). Er will weiter regelmäßig zur Suchtberatung gehen und wieder eine Entgiftung machen. „Ich habe keinen Bock mehr auf den ganzen Mist“, sagt der 20-jährige Demminer. Unter Alkohol und Drogen verliert er die Kontrolle. Deshalb sitzt er jetzt auch vor dem Demminer Schöffengericht und muss sich für Diebstahl, Trunkenheit am Steuer und Widerstand gegen einen Polizisten verantworten. Peer R. streitet nichts ab. Er zeigt Reue, entschuldigt sich im Gerichtssaal sogar per Handschlag bei dem jungen Mann, von dem er das Handy mitgenommen hatte, und bei dem Polizisten, den er aufs Übelste beleidigt und sich zur Wehr gesetzt hatte.
Es war im Juli 2012. Peer R. hat auf dem Dorffest in Alt Plestlin gefeiert, viel getrunken. Er fragte K., ob er ihm sein Handy zum Telefonieren mal borgen könnte. „Ich wollte meinen Vater anrufen, dass er mich abholt, weil ich nicht wusste, wie ich nach Hause kommen soll“, erklärt Peer R. Aus Versehen habe er das iPhone dann in seine Tasche gesteckt. „Es war nicht mit Absicht“, beteuert er. Er habe einen Filmriss gehabt an diesem Abend. Zeuge K. bestätigt, dass er dem Angeklagten sein Handy gegeben hat.
Beim Erzählen mit Kumpels habe er nicht weiter drauf geachtet. Erst als Peer R. mit einem Polo an ihm vorbeigefahren sei, dachte er wieder ans Handy. Zivilpolizisten, die vermutlich wegen einer anderen Sache zufällig am Ort waren, seien gleich hinterher und hätten das Handy im Auto gefunden. Er habe es unbeschadet zurückbekommen, so K.
„Es ist ja ein bisschen meine eigene Schuld“, meint er. Aber er wollte bloß helfen.
Das Verfahren wegen Diebstahls gegen Peer R. wird indes eingestellt. Schwerer wiegt seine Trunkenheitsfahrt im Oktober 2012. „Ich habe bei einer Freundin gefeiert, zu viel getrunken“, erzählt der Angeklagte. „Dann habe ich einen Rappel in den Kopf gekriegt, die Autoschlüssel zu nehmen und eine Stadtrunde zu drehen.“ Einen Kumpel habe er auch noch mitgenommen. „Ich wusste, dass ich kein Auto mehr fahren durfte, aber ich wollte so cool tun.“ Nicht genug, Peer R. hatte zudem gar keine Fahrerlaubnis mehr. Denn den Führerschein musste er bereits abgeben, weil er schon einmal angetrunken und im Drogenrausch im Straßenverkehr unterwegs war.
Wie es kommen musste, hielt die Polizei den 20-Jährigen an. Als die Beamten den Fahrer zur Blutentnahme bringen wollten, widersetzte er sich ihnen und beleidigte sie. „Das tut mir echt leid, es wird nicht wieder vorkommen“, verspricht er dem Polizisten, der als Zeuge geladen war. 1,55 Promille hatte damals die Blutprobe ergeben. Er hat ein Alkohol- und Drogenproblem, gibt Peer R. zu. Eine Entgiftung in der Odebrechtstiftung im Februar/März hat nicht viel gebracht. „Ich bin rückfällig geworden.“ Er gehe aber regelmäßig zur Suchtberatung.
Nach der Trennung seiner Eltern war er mit 16 auf die schiefe Bahn geraten. Die mittlere Reife geschafft, fing er eine Lehre als Gärtner- und Landschaftsbauer an. Doch nach einem Motorradunfall verlor er die Lehrstelle. Er bekam eine zweite Chance und begann als Kfz-Mechatroniker-Azubi. „Leider habe ich wegen Alkohol und Drogen die auch wieder verloren.“ Im Moment ist er arbeitslos.
Die Jugendgerichtshilfe unterstreicht, wie Peer R. sehr unter der Trennung der Eltern gelitten hat. Seine Probleme habe er in Alkohol getränkt, er habe sich ungebraucht gefühlt, depressive Phasen gehabt und sogar Selbstmordgedanken geäußert. Aus Schlafen, Trinken und Drogen habe sein Alltag nach Abbruch der zweiten Lehre bestanden. Der Staatsanwalt sieht die Trunkenheitsfahrt mit Polizeibeleidigung als schwerwiegend an, zumal die Tat während der Bewährung des Angeklagten erfolgte. Aber wegsperren?
„Gefallen hat mir, dass Sie den Mumm gehabt haben, sich öffentlich zu entschuldigen“, sagt der Staatsanwalt, mahnt aber zugleich, dass Peer R. sein Alkoholproblem in den Griff bekommen muss. „Sonst nützen alle anderen Maßnahmen auch nichts.“ Er beantragte eine Jugendstrafe von einem Jahr und sechs Monate auf zwei Jahre Bewährung. Das Gericht bleibt etwas darunter und verurteilt den Demminer zu einem Jahr und drei Monaten auf Bewährung. Zudem muss Peer R. 100 Arbeitsstunden gemeinnützig leisten. „Ich werde mich bei den Arbeitsstunden ranhalten“, verspricht Peer R. „Um so mehr ich zu tun habe, um so weniger Alkohol trinke ich.“ Das Urteil ist rechtskräftig.

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k.gehrke@nordkurier.de

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