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Dunkle Geheimnisse: Lange Schatten einer Waffenfabrik

Das Wrack eines Militär-Lkw in der Demminer Woldeforst: Seit über 70 Jahren ist das Areal Sperrgebiet.  FOTO: Thoralf Plath
Das Wrack eines Militär-Lkw in der Demminer Woldeforst: Seit über 70 Jahren ist das Areal Sperrgebiet. FOTO: Thoralf Plath

VonThoralf Plath

Das Regionalmuseum will einen der dunkelsten Orte der jüngeren Demminer Geschichte in das öffentliche Gedächtnis der Stadt zurück holen: die einstige Heeres-Munitionsanstalt
in der Woldeforst. Auch Kriegsgefangene mussten dort für den Endsiegwahn der Nazis schuften.

Demmin.Schon der Name klingt dunkel: Woldeforst. Erinnert ein bisschen an den finsteren Lord aus der Phantasiewelt von Zauberlehrling Harry Potter. Wer der Betonplattenstraße jenseits des Gewerbegebiets in Meyenkrebs folgt und den Abzweig nach Seedorf ignoriert, steht nach zwei weiteren Kilometern vor einem Schlagbaum und unmissverständlichen Schildern, die vor dem Betreten des videobewachten Geländes warnen: Hinter den Zäunen beginnt das Gelände der Gentas Baltic GmbH. Die Firma handelt hier seit 1998 mit ausgedienter Bundeswehrtechnik, baut Militärfahrzeuge für die zivile Nutzung um und hat dabei offenkundig nicht gern Besuch. Auch viele Einbrüche und Vandalismus mögen Gentas zu den martialisch wirkenden Sicherheitsmaßnahmen bewegt haben.
Die geheimnisumwitterte Aura des so abgelegenen wie weitläufigen Areals fördern die Zäune und Warnschilder eher noch. Denn das 260 Hektar große Gelände mitten im dichten Mischwald nördlich von Demmin ist seit über 70 Jahren Sperrgebiet. Einst befand sich hier die Heeres-Hauptmunitionsanstalt, die „Muna“, wie die Demminer nur sagten. Nach dem Krieg nahm die Rote Armee alles in Beschlag und sprengte wochenlang Granaten, die Detonationswellen ließen die Luft kilometerweit erzittern. Holz aus dem Woldeforst war später in Sägewerken gefürchtet – wegen der Metallsplitter. Ab 1961 diente das Gelände dem Chemischen Dienst der NVA, der hier das Objekt „ChWL 15“ betrieb.
Vor allem in die Zeit als Munitionsfabrik der Nazis will das Regionalmuseum Licht bringen. „Es ist kaum etwas über diese Geschichte bekannt“, sagt Museumschef Hans Clemens. Zwei auf den ersten Blick sehr verschiedene Aspekte weckten sein Interesse: Zum einen arbeitete der Maler August Clüsserath dort offenbar als Techniker, kam auf diese Weise wohl überhaupt erst nach Demmin. Im Zuge einer geplanten Ausstellung von Werken des bedeutenden Moderne-Malers wäre dies ein noch unbekannter Aspekt. Ein zweiter: In der Muna mussten auch sowjetische Kriegsgefangene schuften, viele kamen dabei ums Leben. Im Zug der Erforschung vergessener Orte der Stadtgeschichte will Clemens dieses Kapitel ausleuchten. Im Rahmen einer Veranstaltung am 8. Mai wird auch die Muna-Zwangsarbeit zur Sprache kommen.
Und vielleicht werden die Reste der Muna-Bunker in diesem Jahr sogar zum ersten Mal überhaupt für die Öffentlichkeit zugänglich. Clemens würde dort am Tag des offenen Denkmals gern eine Veranstaltung planen. Der Denkmaltag steht in diesem Jahr unter einem passenden Motto: „Ungeliebte Orte“.

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T.plath@nordkurier.de

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