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Durch die Kanalisation abgehauen

Professor Helmut Pratzel aus Törpin steckt voller Energie. In seinem Dorf gibt es einen Treffpunkt in der alten Schule, den er mitgeschaffen hat.  FOTO: Gudrun Herzberg
Professor Helmut Pratzel aus Törpin steckt voller Energie. In seinem Dorf gibt es einen Treffpunkt in der alten Schule, den er mitgeschaffen hat. FOTO: Gudrun Herzberg

VonGudrun Herzberg

Helmut Pratzel ist Professor und Doktor der Medizin und der Chemie. Die Wissenschaft hat ihn interessiert, aber auch das Praktische.

Demmin.In aller Munde ist der Mann aus Törpin, wenn es um den Seniorenbeirat geht, um Projekte für die ländliche Region. Sein Kopf ist voller Ideen, immer noch, auch mit 78 Jahren. „Das hört wohl nicht auf. Manchmal denke ich, jetzt brauchst Du etwas Ruhe. Aber dann wache ich schon mit neuen Ideen auf, für die man Projekte anschieben kann“, sagt Helmut Pratzel und lacht. In seinem Haus in Törpin gibt es einen großen Saal, das Haus war einst Gaststätte und Treffpunkt für die Einwohner. „Das soll auch so bleiben, darum habe ich gleich nach den Bauarbeiten im Haus und unserem Einzug zum Weihnachtsfest alle aus dem Dorf eingeladen, und das ist auch so geblieben“, erzählt er. „Der Saal war immer Treffpunkt für die Törpiner und soll es auch bleiben.“
Aber dann erzählt er, wie er mit seiner Familie nach Törpin kam. In Berlin-Pankow geboren, war Helmut Pratzel immer bestrebt, viel zu wissen. Als es nach dem Abitur mit einem Studienplatz in Berlin nicht klappte, zog er durchs Land. In Greifswald nahm ihn der Rektor als Hilfsassistent auf und er konnte studieren, organische Chemie. Aber nicht nur im Studium war er aktiv, er lernte Segler kennen, wurde selbst Segler und sogar Sektionsleiter und machte sämtliche Patente. 1960 war für ihn ein Jahr der Wende. Er organisierte eine Störtebeker-Feier, das Flaggschiff der Uni brauchte natürlich die entsprechende Totenkopfflagge. Das gab Ärger. Man wollte ihn von der Uni schmeißen, aber er konnte noch seine Prüfung machen. „Ich wurde nach Berlin versetzt, als Qualitätskontrolleur, aber in das letzte Loch. Dann wurde Mauer gebaut und ich stellte Vergleiche an, wollte etwas tun. Viele wurden verfolgt, denen wollte ich helfen“, erzählt der Törpiner. Mit seinem Cousin zusammen entdeckte er einen Fluchtweg durch die Kanalisation in den Westen von Berlin. 120 Menschen half er auf diesen Weg in die Freiheit und ging ihn dann selbst mit seiner Frau und den Verwandten. An der Uni München erhielt Helmut Pratzel ein Forschungsprojekt, er promovierte und studierte Medizin.
„Ich wollte immer für mich selbst sorgen und habe auf dem Weg viele Projekte angeschoben“, so der Professor. Dabei wollte er als Kind König werden. „Ich war immer wissbegierig und wollte wissen, wie alles funktioniert. Das hat mich vorangetrieben“, sagt er. Er gab Vorlesungen, begleitete Doktoranden und gründete sogar eine Weltorganisation für Kurortmedizin. So bereiste er die ganze Welt und landete schließlich Ende der 90er-Jahre in Törpin. Auch hier kommt er nicht zur Ruhe, ist Vorsitzender des Kreisseniorenbeirates, hat im Dorf viele Projekte angeschoben und immer noch den Kopf voller Ideen, um „dem Leben einen Sinn zu geben“.

Kontakt zur Autorin
g.herzberg@nordkurier.de

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