Nordkurier.de

Ein Leben im Dienste der Physik

In dem Haus am Mühlenteich lebte Dietrich von Heyden-Linden bis zu seinem Tod 1986. Heute ist es eine Ruine. [KT_CREDIT] FOTO: Rodenberg
In dem Haus am Mühlenteich lebte Dietrich von Heyden-Linden bis zu seinem Tod 1986. Heute ist es eine Ruine. [KT_CREDIT] FOTO: Rodenberg

VonJana Otto

Dietrich von Heyden-Linden lebte bis zu seinem Tod 1986 in der Hansestadt Demmin. In seiner eigenen Werkstatt entwickelte er Geräte, die weltweit Anerkennung erlangten.

Demmin.„Ich hätte mir keinen besseren Chef vorstellen können. Er war menschlich und fachlich ein Genie“, sagt Peter Rodenberg. Der 75-jährige Demminer begann im Jahr 1956 eine Lehre als Mechaniker in der Rundfunk- und Fernsehwerkstatt von Dietrich von Heyden-Linden. „Es war damals die erste, die es hier gab“, erinnert sich Peter Rodenberg. Über 30 Jahre lang hat er mit dem bekannten Physiker in der Hansestadt zusammengearbeitet.
Dietrich von Heyden-Linden wurde 1898 als jüngstes von sechs Kindern des Ehepaares Carola von der Lancken-Wakenitz und Friedrich von Heyden-Linden auf dem Gut Gehmkow geboren. Rudi Bobzin, der in Kaslin aufwuchs, kennt Dietrich von Heyden-Linden noch aus Kindertagen. „Er hat sich immer zurückgezogen. Am liebsten war er draußen in der Natur, in einem Baumhaus am
Augraben.“ Als Dietrichs ältester Bruder nach dem Tod des Vaters heiratete und das Gut Gehmkow übernahm, ging seine Mutter mit ihm und der älteren Schwester, der bekannten Malerin Ilse, nach Demmin. Hier lebten sie in einem Haus am Mühlenteich. Dietrich von Heyden-Linden legte in Demmin sein Abitur ab, studierte Physik und Chemie an den Universitäten Berlin, Jena und Greifswald. Sein Spezialgebiet war die Elektro- und Experimentalphysik.
Dietrich von Heyden-Linden entwickelte eine Vielzahl wissenschaftlicher Geräte und meldete etliche Patente an. Seit 1959 arbeitete er für die Wissenschaftliche Akademie zu Berlin und baute in deren Auftrag unter anderem Apparate, mit denen man weltweit Erderschütterungen messen konnte. „Der Hintergrund war, dass man so feststellen konnte, wer wo Atombombenversuche machte“, erzählt Peter Rodenberg. Diese Geräte gingen auch nach Schweden, in die Sowjetunion sowie in die Tschechoslowakei. „Das war zu dieser Zeit etwas ganz Dolles“, meint Peter Rodenberg. Und er erinnert sich an weitere Erfindungen seines Chefs. Dazu gehören besondere Arten von Baro- und Hygrometern sowie eine Pumpe für Steuerungsmessanlagen. Peter Rodenberg schätzte an seinem Lehrmeister besonders, dass er ihn alles fragen konnte. „Man bekam immer eine vernünftig und korrekte Antwort.“ Und das auch, wenn es dem Chef nicht gut ging. „Seit dem Ersten Weltkrieg litt er an einer Magenkrankheit, die ihn fast wöchentlich heimsuchte. Das prägte ihn stark und er musste viele Medikamente nehmen. War er wieder gesund, dann war er von einem Tag auf den anderen wieder eine Seele von Mensch.“ Die 30 gemeinsamen Jahre ließen eine enge Bindung zwischen den Männern wachsen, Rodenberg sei fast eine Art Sohnersatz gewesen. Denn Dietrich von Heyden-Linden hatte selbst keine Kinder. Seine erste Frau war stark depressiv und nahm sich das Leben, später lernte er die Demminerin Ulla Bormann kennen, die er schließlich heiratete.
Dass Dietrich von Heyden-Linden ein wertvolles Labor betrieb, war in Demmin bekannt. Und in Zeiten des Mangels profitierte unter anderem das Krankenhaus davon. Rudi Bobzin war damals Leiter der Medizintechnik und erinnert sich noch gut. „Er hat uns unterstützt, wo es ging, und unsere medizintechnischen Geräte überprüft, gewartet und repariert.“ Es sprach sich auch rum, dass Dietrich von Heyden-Linden alles aufhob. „So fehlten uns im Krankenhaus Nägel, ich wusste aber, dass er welche hat, und habe ihn gefragt, ob er sie uns borgen würde. Er hat sie uns gegeben, dabei aber gesagt, dass er sie wiederhaben will“, schildert Rudi Bobzin.
Fünf Jahre vor seinem Tod verpachtete Dietrich von Heyden-Linden seine Werkstatt am Mühlenteich dem Krankenhaus. Ein ganz besonderer Moment für Rudi Bobzin. „Er sagte: In meinem Alter kann ich wohl gut einschätzen, was Gesundheit bedeutet, und ich möchte mit den übergebenen Werten einen guten Beitrag dazu leisten“, erinnert sich Bobzin an die Worte von Heyden-Lindens und fügt hinzu, dass er ein sehr kluger, fleißiger und bescheidener Mann war.
Über die Jahre sammelte sich in der Villa Heyden-Linden eine Menge an. „Das Haus war bis unters Dach vollgestopft mit Technik“, erinnert sich Peter Rodenberg. Er verbrachte in den letzten Lebensjahren seines Chefs täglich etwa eine Stunde damit, vom Keller bis zum Dachboden alles durchzusehen. „Er wusste selbst nicht mehr genau, wo was ist. Und gerne gesucht hat er nicht“, schildert Peter Rodenberg. Nach dem Tod von Dietrich von Heyden-Linden habe Rodenberg die mechanische Werkstatt übernommen und als Feinmechaniker weitergearbeitet. Viele Dinge, die mit dem Flugzeugbau zu tun hatten – von Heyden-Linden war von 1933 bis 1945 Ausbilder auf dem Flugplatz Tutow – wurden an Militärmuseen in Potsdam und Dresden verkauft. Wertvolle ältere Geräte aus den 1920erJahren kamen in technische Museen nach Berlin und München.
Die Erinnerungen von Peter Rodenberg und Rudi Bobzin sind sehr lebendig und sie reden gern über den berühmten Demminer Physiker. Schade finden die beiden allerdings, dass die Villa am Mühlenteich, die einst so voll von Ideen und Technik war, dem Verfall preisgegeben wurde. Sie hätten ganz sicher Ideen, wie dieses Haus genutzt werden könnte.

Kontakt zur Autorin
j.otto@nordkurier.de

Mehr zu diesen Themen
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
×