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Ein „Tycoon“ des Sklavenhandels

VonGeorg Wagner

Gewieft muss Heinrich Carl von Schimmelmann gewe- sen sein. Der gebürtige Demminer galt im 18. Jahr- hundert als einer der reichsten Männer Europas.

Demmin.Kleine Städte haben große Söhne, doch häufig werden sie erst groß, wenn sie die kleine Stadt verlassen haben. Und mitunter entwickeln sie sich dann zu zweifelhafter Größe. Ein solcher Fall ist der gebürtige Demminer Heinrich Carl von Schimmelmann, der zu seiner Zeit als einer der reichsten Männer Europas galt. Damals wohl von vielen beneidet, aus heutiger Sicht eine eher zwielichtige Gestalt. 2006 wurde in Hamburg-Wandsbek seine Büste aufgestellt, gerade mal zwei Jahre später wurde sie auf öffentlichen Druck hin wieder entfernt.
Ähnliche Zwistigkeiten hätten auch Demmin blühen können. Denn Schimmelmann stand auch zur Disposition, als die Hansestadt nach der Wende einen Teil ihrer Straßen um- beziehungsweise neu benannte. „Unterschiedliche Namen kamen zur Diskussion. Schimmelmann hat auch eine Rolle gespielt“, erinnert sich der stellvertretende Bürgermeister Günter Behnke, der damals zur Kommission für die Straßennamen gehörte. Warum der Geschäftsmann aus dem 18. Jahrhundert dann doch nicht auf einem Straßenschild verewigt wurde, weiß Behnke nicht mehr so genau zu sagen. Die Liste war eben lang und man musste sich entscheiden. Dabei blieb Schimmelmann eine Option für die Zukunft. „Es war ja eine offene Liste“, sagt Behnke, „und man wusste nicht, was vielleicht noch an Straßen dazu kommen würde.“
Mag sein, dass heute mancher insgeheim froh ist über den seinerzeitigen Verzicht. Denn der Sohn eines Demminer Kaufmanns und Ratsherrn war nicht nur ein gewiefter Geschäftsmann und Finanzberater des dänischen Königs, sondern auch Kriegsgewinnler und gerissener Spekulant, der, so Stefan Winkle in einem Aufsatz über den dänischen Sklavenhandel, mit „suspekten Finanzmanipulationen“ vorzugehen pflegte. Mit einem Wort, Schimmelmann würde kaum noch in das passen, was heute als „political correctness“ gilt. Unter anderem war er mit eigenen Schiffen am „Atlantischen Dreieckshandel“ beteiligt, zu dem der äußerst lukrative, menschenverachtende Sklavenhandel von Afrika nach Amerika zählte, und das zeitweilig fast in monopolhafter Form – Schimmelmann, der gebürtige Demminer, ein Tycoon im Geschäft mit dem „schwarzen Gold“, ein Menschenhändler größten Kalibers.
Geboren wurde er am
13. Juli 1724 in Demmin. Nach anfänglichen Misserfolgen in Dresden nutzte er den Siebenjährigen Krieg für seine Geschäfte. Er wurde Heereslieferant Friedrichs des Großen und kaufte die von diesem erbeutete Sammlung der Meißener Porzellanmanufaktur, um sie in Hamburg für ein Vermögen zu versteigern. Richtig steil bergauf aber ging es für Schimmelmann, nachdem er 1761 in dänische Dienste getreten war. Er erhielt Adelstitel und erwarb Zuckerrohrplantagen in derKaribik, gewann für Dänemark während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges eine mit beherrschende Stellung im Sklavenhandel, den er noch forciert haben soll, war aber auch Vorsitzender in der Kommission für den geplanten Bau des Eiderkanals und Mitglied im dänisch-königlichen Beratergremium für Steuer- und Finanzierungsfragen.
Am 16. Februar 1782 starb Heinrich Carl von Schimmelmann in Kopenhagen, begraben liegt er in Wandsbek. Wo mehr als 200 Jahre später die Büste des Sklavenhändlers für Aufruhr in Zeitungen und öffentlichen Debatten sorgte.
Vergessen ist er aber auch in seiner Geburtsstadt nicht. Vor drei Jahren forschten Demminer Gymnasiasten in einem Projekt unter der Leitung von Kathrin Werner den Spuren Schimmelmanns nach. Bereits zuvor stand sein Name noch einmal kurzzeitig für Straßenbenennungen zur Debatte. „Das kam noch einmal mit der Wirtschafts- und Finanzkrise hoch“, sagt Günter Behnke. Zum Zuge kam er aber auch da nicht – nicht mal an der Straße, die zu Müllstation und Schrottplätzen führt.

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