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Feldpost gibt keine Antwort auf Gewalttaten

VonGudrun Herzberg

Das Kriegsende in Demmin 1945. Umgang mit einem schwierigen Thema. Von einer Historikerin erhoffen sich die Demminer Aufklärung. Aber so manches Archiv bleibt immer noch verschlossen.

Demmin.In einer Broschüre haben sich Mitarbeiter des Demminer Regionalmuseums und die Historikerin Dr. Elke Scherstjanoi vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin mit dem Einzug der Roten Arme in Demmin und den vielen Selbstmorden beschäftigt. Im Militärarchiv des Ministeriums für Verteidigung in Moskau hat sich Elke Scherstjanoi auf die Spur begeben, angeregt von Diskussionen in Demmin zum Kriegsende 1945. „Ich wollte etwas über die Hintergründe des Brandes in Demmin und der Selbstmorde erfahren“, sagte sie gestern Abend in einer Diskussionsrunde, organisiert vom Aktionsbündnis 8. Mai und dem Regionalmuseum. Denn die Archive sind jetzt für solche Nachforschungen freigegeben worden. Aber, es gab für die Demminer einen Wehmutstropfen. Denn Berichterstattungen über politische Stimmungen der Roten Armee, der russischen Soldaten beim Einzug in Deutschland, sind immer noch nicht zugänglich.
„Wir erfahren in den Archiven etwas über die Verluste der Truppen und Bewaffnungen, aber die Kampftagebücher sagen nichts darüber aus, wie die Haltungen, die Disziplin und die Motive der Roten Armee waren“, sagt die Historikerin. Das habe sie nicht zufriedengestellt. Auf der Suche nach Erklärungen für die Stimmungen der russischen Soldaten habe sie in Feldpost geschaut. „Wir wissen nach 70 Jahren des Kriegsendes immer noch zu wenig über die Stimmungen. Vieles ist noch voller Widersprüche“, so Elke Scherstjanoi. Denn die politischen Analysen der sowjetischen Politoffiziere, die es gegeben habe, seien noch unzugänglich. Darum bezog sie sich in ihrem Vortrag auf Feldpostforschungen. Hier werden die Deutschen als Bestien, blutrünstiges Raubtiere, gemein und hinterhältige Massenmörder bezeichnet. Und es wird von Reichtum gesprochen, den sich die Deutschen bei ihren Kriegszügen aus anderen Ländern angeeignet haben. So schreibt ein 39-jähriger russischer Offizier nach Hause, dass die Deutschen zum Kriegsende in Scharen mit ihrem Besitz die Städte und Dörfer verlassen. Die Stunde der Vergeltung sei gekommen. Fragen zum Aufruf, die deutschen Frauen zu vergewaltigen, bezeichnete die Historikerin als Spekulationen. Ein Loitzer berichtete, dass viele Tote bei Trantow und Rustow in der Peene schwammen. Erst nach der Wende konnte man darüber sprechen. Es bedarf Aufklärung und gemeinsame Gespräche.

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g.herzberg@nordkurier.de

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