Nordkurier.de

Immer öfter muss ein zweiter Job her

VonCarsten Schönebeck

Viel Arbeit, wenig Lohn. Gewerkschaften prangern an, dass immer mehr Menschen auf Minijobs angewiesen sind. Eine Studie zeigt, wie es im Demminer Land darum bestellt ist.

Demmin.Der Minijob soll ein Einstieg in den Arbeitsmarkt sein. Ein Anreiz für Unternehmen, neue Stellen zu schaffen. Doch für immer mehr Menschen ist das geringfügige Beschäftigungsverhältnis eher ein Abstellgleis. Das zeigt eine bundesweite Studie. Auch die Demminer Region ist von der Entwicklung betroffen.
Im Auftrag zweier Gewerkschaften hat das Pestel-Institut in Hannover die Daten der Jobcenter analysiert. Das Ergebnis: Die Zahl derer, die von geringfügiger Beschäftigung leben müssen, stieg in den letzten zehn Jahren deutlich an. An der Peene um ein knappes Drittel. Das sei Teil einer insgesamt beunruhigenden Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, so Studienleiter Matthias Günther. „Laut Statistik gibt es zwar immer mehr Beschäftigte, aber die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden fällt gleichzeitig“, erklärt der Ökonom. Ergo: Immer mehr Menschen arbeiten in Teilzeitjobs, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Bei der Gewerkschaft ver.di ist man zwar generell offen für geringere Arbeitszeiten. Aber nicht auf diese Weise. „Meist geht es dabei ja nicht um freiwillige Teilzeit, weil ein Mitarbeiter kürzer treten will“, so Bernd Gembus, Geschäftsführer der Gewerkschaft ver.di im Bezirk Neubrandenburg. Vielmehr würden die Arbeitgeber verstärkt auf Minijobs setzen. Entsprechend seien in den vergangenen Jahren die Einkommen der Betroffenen gesunken. Auch das lässt die Studie erkennen. Denn die Zahl derer, die in der Region einen Minijob annehmen, um sich neben ihrer eigentlichen Tätigkeit etwas dazu zu verdienen, explodierte in der Vergangenheit. Und das, obwohl die Einwohnerzahl im gleichen Zeitraum deutlich gefallen ist.
Mehr als 400 Menschen aus dem Verbreitungsgebiet der Demminer Zeitung geben einen Minijob als Nebenerwerb an. Die Gewerkschaften sprechen von „Multijobbern“. Vor zehn Jahren waren es nur etwas mehr als ein Viertel davon. Besonders stark sind die Städte betroffen. In Demmin und Loitz hat sich die Zahl mehr als verdoppelt, in Jarmen fällt der Anstieg noch krasser aus. „Die Leute müssen diese Jobs annehmen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Es geht nicht darum, sich einen besonderen Wunsch zu erfüllen“, sagt Bernd Gembus. Nicht selten summierten sich die einzelnen Jobs auf 60 Wochenstunden oder mehr.
Dabei gibt es aber auch regionale Unterschiede. So ist der Zuwachs an Multijobbern ist im Altkreis Müritz deutlich stärker als im neuen Großkreis Mecklenburgische Seenplatte. Die Tourismuswirtschaft sei besonders anfällig für Niedriglöhne, so ein Erklärungsversuch der Gewerkschaften. Aber auch in den Pflegeberufen und bei Reinigungskräften seien Minijobs und schlechte Bezahlung immer mehr die Regel.

Kontakt zum Autor
c.schoenebeck@nordkurier.de

Mehr zu diesen Themen
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
×