Umstritten wie kaum eine andere Vogelart: der Kormoran. [RS_CREDIT] FOTO: Georg Wagner
Von unserem Redaktionsmitglied Georg Wagner
Kaum eine andere Vogelart hat in den vergangenen Jahren so sehr für kontroverse Diskussionen gesorgt wie die „Seeraben“. Jetzt geht es wieder um die Frage der Jagd auf sie.
Demmin.Sie sind schwarz, glänzend und wirken wie fliegende Kreuze: Kormorane. Wenn das Eis verschwunden ist und die Temperaturen wieder klettern, dann werden sie voraussichtlich auch wieder die Gewässer der Region bevölkern. Die Frage ist nur, in welcher Zahl. Geht es nach der Landes-CDU, dann wird diese eher niedriger ausfallen als in früheren Jahren. Die Ende April auslaufende Kormoranverordnung des Landes, in der Möglichkeiten zur Bekämpfung der geschützten Vögel geregelt sind, müsse erneut in Kraft gesetzt werden, forderten Christdemokraten jüngst. Die „Seeraben“ müssten im Interesse der Fischerei, des Artenschutzes und der Gewässerökologie weiter und stärker bejagt werden (der Nordkurier berichtete). Das haben hiesige Angler gern gehört. „Wir sind unbedingt dafür“, sagt der Vorsitzende des Kreisanglerverbandes „Fischwaid“, Dr. Knut Kirchner. Damit spricht er sich zwar nicht gegen den Schutz der Art aus, doch dem natürlichen Lauf der Dinge allein will er die Entwicklung nicht überlassen. „Wo der Mensch mit Schutz eingreift, muss er auch regulieren“, meint Kirchner. Dabei hatte die Zahl der Kormorane nach einem zwei Jahrzehnte währenden, rasanten Wachstum in den letzten zwei harten Wintern drastische Einbrüche zu verzeichnen. Für das Jahr 1990 weist der neue Kormoranbericht des Landes gut 4000 Brutpaare aus, wobei der größte Teil auf die Küste entfiel. Im Binnenland waren es weniger als 1000. Der vorläufige Höchststand wurde im Jahr 2008 mit mehr als 14000 Brutpaaren erreicht, davon gut 2000 im Binnenland. Im vergangenen Jahr wurden landesweit 8762 Brutpaare in 16 Brutkolonien gezählt. Zumindest teilweise sei dieser Rückgang noch eine Folge des harten Winters 2009/2010, heißt es in dem Bericht. „Dieser Winter hatte zu einer erhöhten Sterblichkeit von Kormoranen geführt.“ In der Folge siedelten sich im Jahr darauf auch weniger Erstbrüter an. Wie hoch die Zahl der Kormorane im früheren Landkreis Demmin ist, weiß niemand ganz genau. Brutkolonien gab es hier bislang nicht. Bei den Kormoranen, die in der wärmeren Jahreszeit etwa auf dem Kummerower See mitunter in Schwärmen zu beobachten sind, handelt es sich um Jungvögel und sogenannte Nichtnister wie beispielsweise Durchzügler. Rund 1000 der Fischjäger, so schätzte das Umweltamt im Jahr 2010, lebten und jagten auf dem Gebiet des Altkreises. Eine Zahl, mit welcher der damalige Landrat Siegfried Konieczny (Die Linke) auch noch bei der Delegiertenversammlung des Anglerverbandes im Mai 2011 operierte. Zuviele auch aus seiner Sicht. „Hier“, betonte er damals, „muss schnell etwas geschehen.“ Man habe beim Land bereits entsprechende Maßnahmen eingefordert. Bei dieser Einschätzung konnte Konieczny sich seinerzeit der politischen Rückendeckung sicher sein. Denn schon gegen Ende 2010 hatten sich die Kreistagsfraktionen einer vom Landkreis Rügen initiierten, entsprechenden Resolution angeschlossen. „Es ist ein Bestandsmanagementplan zu erarbeiten, der den Kormoran langfristig in die Kulturlandschaft integrieren kann, ohne andere Tierarten oder Pflanzen irreparabel zu schädigen und den Fischereibetrieben wieder rentables Wirtschaften zu ermöglichen“, beschloss der Bergener Kreistag im März 2010, und: „Es soll geprüft werden, ob das Verbot einer regulären Bejagung aufrechterhalten werden kann.“ Gerade die Berufsfischer ebenso wie viele Angler sind auf den Kormoran gar nicht gut zu sprechen und auch Siegfried Konieczny attestierte ihnen, dass sie mit den Kormoranen „große Probleme“ hätten. Aus Sicht des Anglerverbandes stellen die Vögel eine „durchaus ernste Bedrohung“ der Fischbestände dar. „Wir sind oft genug am Wasser, um zu sehen, welche Mengen verzehrt oder auch nur zerstört werden“, sagt Knut Kirchner. Etwa 500 Gramm Fisch fresse ein Kormoran täglich. Allein bei den rund 1000 Vögeln im Altkreis würde das täglich eine halbe Tonne ausmachen. „Das sind ganz erhebliche Mengen“, betont Kirchner. Dazu komme, dass Kormorane teils kollektiv und in Tiefen bis zu 25 oder 30 Meter jagten. „Die Fische habe da keine Chance, auch die vorwiegend am Boden lebenden Arten nicht.“ Aale etwa seien dadurch mittlerweile im Bestand gefährdet. Doch das ist nur die eine Sicht. Naturschutzverbände wie der Nabu Deutschland, der gemeinsam mit dem Bayerischen Vogelschutzbund den Kormoran 2010 zum „Vogel des Jahres“ erklärt hatte, sehen ihn als zu Unrecht verfemt. Sie bestreiten zum einen den wirtschaftlichen Schaden durch die Vögel und berufen sich dabei auf Untersuchungen von Mageninhalten. Demnach bestehe der überwiegende Teil der Nahrung aus wirtschaftlich unbedeutenden Weißfischen und ähnlichen Arten. Der Rückgang der Aalbestände sei vor allem den mittlerweile großen Fängen an jungem Glasaal vor den Küsten Europas geschuldet. Zum anderen sprechen Naturschützer Kormoranen wegen deren Jagd auf Weißfisch sogar eine positive Rolle bei der Gewässerreinhaltung zu. Mehr Zooplankton, das Algen aus dem Wasser filtere, bleibe erhalten, Seen würden dadurch klarer. Mittlerweile hat sich der noch vor einigen Jahrzehnten in Mitteleuropa fast ausgerottete Kormoran nicht nur im Demminer Land, sondern deutschlandweit zu einer der umstrittensten Vogelarten gemausert. So berichtete der in Konstanz am Bodensee erscheinende „Südkurier“ im vergangenen Jahr über einen „Freispruch für den Kormoran“ durch den Verwaltungsgerichtshof Mannheim. Der hatte demnach eine nächtliche Vergrämungsaktion, durch die Gelege auskühlen und absterben sollten, für rechtswidrig erklärt. Zur Enttäuschung der Bodenseefischer, die wie hiesige Angler und Fischer die Konkurrenz durch die schwarzen Vögel nur schwer verdauen können. Vergrämungsaktionen etwa mit Laserkanonen oder das Austauschen von Gelegen gegen Plastikeier wären aus Sicht Knut Kirchners eine Möglichkeit, um Kormoranbestände zu reduzieren. Doch so recht glaubt er offenbar nicht an die Durchführung. „Wer es machen soll und wie, dazu kann im Moment keiner etwas sagen.“ Diese Frage wirft auch die CDU-Forderung nach einer stärkeren Bejagung der Seeraben auf. Zumindest bei der hiesigen Waidmannschaft scheint das Interesse daran, Schrotpatronen auf Kormorane abzufeuern, nicht gerade groß zu sein. „Ich stelle mir das sehr schwierig vor“, dämpft der Vorsitzende des Kreisjagdverbandes Demmin, Egbert Scholle, Hoffnungen auf die Wirksamkeit der Flinten. „Wenn zwei, drei Schüsse gefallen sind, dann sind die Vögel weg.“ Und auf dem See ließen sie sich ohnehin nicht jagen. Da hält Egbert Scholle eine andere Lösung für effektiver: „Die Natur ist besser in der Lage, die Bestände zu regulieren. Wir haben das ja in den vergangenen Wintern gesehen.“ Kontakt zum Autor g.wagner@nordkurier.de