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Museum muss seine Schätze an den alten Adel herausrücken

VonThoralf Plath

Es ist ein Tabuthema, seit Jahren. Keiner der Beteiligten spricht gern drüber, und jeder hat seine Gründe dafür. Es geht um die Frage: Wem gehört eigentlich, was im Museum steht? Irgendwie doch wohl uns allen, möchte man meinen. Der Gesellschaft. Der Allgemeinheit. Doch so einfach ist das nicht mehr.

Demmin/Kartlow/Loitz.Das „Porzellan von Kartlow“ ist fürwahr ein edler Scherben. Das Demminer Regionalmuseum zählt es zu Recht zu seinen Schätzen: zwölf opulente Gefäße, feinste Handarbeit. Einst zählte das Service gar 300 Teile, geformt 1766 in der Königlich Preußischen Porzellanmanufaktur. Monarch Friedrich II., der Alte Fritz, schenkte es einem treuen pommerschen Vasallen. Nun wird die Vitrine bald leer sein. Das kostbare Geschirr kehrt in den Privatbesitz derer von Heyden zurück.
Gehören tut es der Familie längst, seit 1998. Zurückgegeben damals auf Grundlage eines Gesetzes, das die nach dem Krieg unrechtmäßig enteigneten Gutsbesitzer entschädigen sollte. Im nächsten Jahr läuft die Frist ab, die dem Museum noch gewährt worden war, die Stücke öffentlich auszustellen.
Es ist nicht das einzige Exponat, das das Demminer Regionalmuseum im Zuge dieser Kulturgut-Rückgabe heimlich, still und leise verliert. Auch etliche Gemälde und Möbel, so ein 200 Jahre alter Sekretär aus dem einstigen Gutshaus Hermannshöhe bei Tützpatz, stehen auf der Liste. Das Museum hat die Sachen nicht gestohlen. Kulturbewegte Vorpommern wie Lothar Diemer bargen sie in den wirren Zeiten nach dem Krieg auf den herrenlos gewordenen, geplünderten Gütern.
„Diese Rückgaben werden große Lücken in den Bestand reißen“, bedauert Museumsleiter Hans Clemens. „Die Geschichte der Güter ist eine wesentliche Säule unserer thematischen Arbeit.“
Doch Zeiten, in denen Haben mehr zählt als Sein, sind offenbar so gestrickt. Besitz ist alles. Da wird selbst ein in Generationen gewachsener Fundus, und das Demminer Museum wird bald hundert Jahre alt, zum Kunstbasar des Eigenbedarfs.
Kürzlich brachte die Post dem Museum einen Brief aus Loitz ins Haus. Bürgermeister Michael Sack bittet darin freundlich um Auflistung, welche Exponate der Sammlung denn aus seiner Stadt stammen. Er wolle nicht missverstanden werden, schreibt der Rathauschef, das sei keine Rückforderung. Es sei nur der lieben Ordnung halber. Wirklich? Sicher habe die Anfrage mit der Kreisreform zu tun, mutmaßt Hans Clemens. „Aber Kooperation sieht für mich anders aus.“ Gewiss, das Museum habe auch Stücke aus Loitz. Ein Hochrad etwa, einige Orden des Schützenvereins. „Ja und? Wir haben uns bewusst Regionalmuseum genannt, auch um zum Ausdruck zu bringen, dass Geschichte und Kultur nicht an Kreisgrenzen und dieser neuen Kleinstaaterei Halt machen.“
Im Fall der Forderungen des alten Adels hofft Clemens noch auf Einsicht der Nachfahren, ihre wiedergewonnenen Stücke dem Museum leihweise weiter zu überlassen. Denn für 2014 plant er eine große Ausstellung zur Gütergeschichte. Schwierig, so ganz ohne Exponate.
In einem anderen, aktuellen Fall will sich das Museum so einfach nicht beugen: dem des mysteriösen Altarbildes. Das, wie sich gerade erwiesen hat, einst in der Darguner Klosterkirche hing und nach dem Krieg unter ungeklärten Umständen ins Museum nach Demmin kam. Er freue sich sehr, dass sich diese Herkunft aufgeklärt habe, sagt er, „wir werden jetzt gewiss sehr viel mehr über das Bild erfahren.“
Doch das rechtfertige nicht automatisch eine Rückgabe nach Dargun, wie man es dort erwartet. „Das sind doch zwei Paar Schuhe. Vorerst bleibt das Altarbild im Bestand des Museums.“ Es sei keine Lösung, alles dorthin zurückzugeben, woher es ursprünglich stammt. „Ein Museum ist doch kein Fundbüro, wo jeder klingeln und sagen kann, schön dass ihr meine Sachen so lange aufbewahrt habt, ich hätte sie jetzt aber gern wieder.“

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