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Neukalens Cowboy-City: Statt Volltreffer nur ein Fehlschuss

VonTorsten Bengelsdorf

Mit Saloons und Galgenbäumen wollte die Kleinstadt nach der Wende in goldene Zeiten aufbrechen. Doch die Westernstadt wurde nicht der erhoffte Knaller, eher ein Rohrkrepierer. Und eine Blamage ersten Ranges.

Neukalen.Wir schreiben das Jahr 1993. Während sich in Nachbarstädten bereits ein kleiner wirtschaftlicher Aufschwung nach dem Zusammenbruch vieler ehemals volkseigener Betriebe abzeichnet, droht die Kleinstadt Neukalen immer mehr ins Abseits zu geraten. Unternehmen, die wieder für mehr Arbeit in der Region sorgen könnten, siedeln sich lieber in Stavenhagen oder Dargun an. Das verträumte Städtchen in der Mecklenburgischen Schweiz wartet noch auf den Investor, der Neukalen wachküssen könnte. Und er kommt. Mit Riesenplänen und in Cowboy-Stiefeln. „Die Arbeitslosigkeit wird in unserer Stadt schon bald kein Thema mehr sein“, frohlockt der damalige Bürgermeister Günter Plagens und verspricht den Neukalenern nicht weniger als 300 neue Arbeitsplätze. Neukalens Zukunft soll demnach auf einer 154 Hektar großen Wiese am nordwestlichen Stadtrand zwischen Bahnstrecke nach Dargun und der Peene liegen. Eine Westernstadt ganz im Stil des 19. Jahrhunderts will hier die Western Union Berlin aus dem Boden stampfen. Das Konzept für diesen Freizeit- und Vergnügungspark liest sich wie die Vorlage einer Kulissenstadt für einen John-Wayne-Klassiker: Eine Ranch kommt da genauso vor wie mehrere Saloons, Läden für Westernmode und ein Indianerlager. Sogar mehrere Galgenbäume sollen aufgestellt werden. Die Besucher der Westernstadt können in extra errichteten Hotels und in einer Vielzahl von Bungalows übernachten. 245 Millionen Mark will die Western-Union auf die Teichweide bringen, zeitweise ist sogar von 400 Millionen Mark die Rede. Goldene Zeiten stehen Neukalen ins Haus, wenn an Wochentagen etwa 1000 Gäste in der Westernstadt einkehren und es an den Wochenenden bis zu 3000 werden sollen.
Doch schon bald kommen Zweifel auf. Trotz mehrfacher Einladungen lässt sich der Investor in der Neukalener Stadtvertretersitzung nicht blicken. Der beauftragte Architekt, der als einziger in Neukalen das Millionen-Projekt vorbereitet, bleibt die Miete im von ihm genutzten ehemaligen Warsower Kindergarten schuldig. „Wenn schon Investoren in unsere Stadt kommen, kann ich sie nicht noch für so etwas zahlen lassen“, meint der Bürgermeister vor seinen erzürnten Stadtvertretern. In der Kreisverwaltung in Malchin rätselt man derweil darüber, ob das, was die Western Union der Behörde vorgelegt hat, als Projekt bezeichnet werden kann. Viel mehr als eine dicke Mappe mit Kopien von Westernhäusern gibt es nicht. Und auch die Industrie- und Handelskammer kommt zu dem Schluss, dass die ganze Anlage wohl etwas „überdimensioniert“ sei. Günter Plagens vermutet hinter all den Querschüssen eher eine „gesteuerte Kampagne“. Banken allerdings ist „Cowboy-City“ zu abenteuerlich, sie geben kein Geld. Nicht einmal für den Grundstückskauf. Doch erst 1997 gibt die Western Union ihr Vorhaben Westernstadt in Neukalen ganz auf, um es „irgendwo in den fünf neuen Bundesländern“ in die Tat umzusetzen, wie es damals hieß. Zurück blieben ein geplatzter Traum von einem Aufschwung, der in Cowboy-Stiefeln daherkommen sollte, und jede Menge Mietschulden. „Wenn uns das Vorhaben Westernstadt gelungen wäre, dann wäre dies der Knaller geworden“, ist Günter Plagens auch Jahre später noch überzeugt. Seine Erkenntnis: Neukalen hätte damals wohl kleinere Brötchen backen sollen.

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t.bengelsdorf@nordkurier.de

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