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Niemand feiert: 75 Jahre Stadtrecht Dargun

Von unserem Mitarbeiter
Gerald Gräfe

Sang- und klanglos verlief das 75. Stadtjubiläum zu Wochenbeginn in der Stadt am Klostersee. So bleiben weiter viele Fragen zur Ortsgeschichte im Unklaren.

Dargun.Am 1. April 1938 verlieh der Reichstatthalter und NSDAP-Gauleiter Mecklenburgs, Friedrich Hildebrandt, dem Flecken Dargun das Stadtrecht. Der 75. Jahrestag dieses Ereignisses am Montag verlief sang- und klanglos. Nachdem der Nordkurier im Vorjahr über das Datum und seine Hintergründe informiert hatte, befanden Darguns Stadtvertreter, dass dieses Jubiläum kein Grund zum Gedenken und Feiern sei. Damit bleiben viele Fragen aus den ersten Jahren der „Neustadt“ weiter offen.
Die unaufgearbeiteten Seiten der Ortsgeschichte setzen 1933 ein: Der seit 1921 amtierende Oberortsvorsteher
Dr. Friedrich Karl Decker musste entgegen der Kommunalverfassung seinen Posten räumen – er war in der falschen Partei. Fortan hatten SA-Standartenführer Dr. Ulrich Fischer beziehungsweise nach ihm Hans Schlapmann als Gaubeauftragter der NSDAP-Gauleitung das Sagen in den Amtsstuben.
Widerstand gegen Parteiendiktatur gab es auch in der jungen Stadt: Nach dem missglückten Attentat Stauffenbergs auf Hitler am 20. Juli 1944 wurden auf Geheiß der Gestapo im Rahmen der „Aktion Gitter“ auch in Dargun Bürger festgenommen. Sie waren Mitglieder demokratischer Parteien der Weimarer Republik gewesen oder dachten einfach nur kritisch bzw. hinterfragten die öffentliche Propaganda.
Und wenn heute die Kinder der Kita „Sonnenschein“ ausgelassen auf dem Freigelände toben, wissen sie nicht um die Geschichte des Platzes: Dort siedelte sich 1898 die Firma Kühn & Leißler an. Die Bürstenholzfabrik produzierte während des Krieges für die Wehrmacht. Dazu unterhielt sie mindestens ab 1943 ein firmeneigenes Lager für ausländische Zwangsarbeiter – dort, wo heute Kinderlachen erschallt.
Ebenso seiner Aufarbeitung harrt die Geschichte des Maschinenbaus, der zu DDR-Zeiten fast 500 Angestellte zählte und heute im Unternehmen Econautic fortlebt. Alles begann mit der Auslagerung der im bombengefährdeten Berlin ansässigen Allgemeinen Berliner Automaten- und Metallwarenfabrik GmbH, alten Dargunern als ABA bekannt. Diese stellte Teile für die deutsche Luftwaffe her.
Das Schicksal der Darguner Juden, die Ölseuche von 1943 ... – weitere Fragen zur jüngeren Darguner Geschichte, denen der Nordkurier in den kommenden Monaten weiter nachgehen wird.

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