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Ohne Lift gehts bald nicht mehr

Ein Rentner auf dem Balkon seiner Wohnung in der Ernst-Moritz-Arndt-Straße. Vor zehn Jahren zog er aus dem 6. Stock ins Erdgeschoss – Glück gehabt. Der altersgerechte Umbau der Wohnblocks wird immer dringender, doch das ist teuer.  FOTO: th. plath
Ein Rentner auf dem Balkon seiner Wohnung in der Ernst-Moritz-Arndt-Straße. Vor zehn Jahren zog er aus dem 6. Stock ins Erdgeschoss – Glück gehabt. Der altersgerechte Umbau der Wohnblocks wird immer dringender, doch das ist teuer. FOTO: th. plath

VonThoralf Plath

Der Bedarf an altersgerechten Wohnungen steigt rapide in der Hansestadt. Doch gute Angebote sind knapp. Inzwischen hat die städtische Wohnungsgesellschaft begonnen, dem demografischen Trend entgegenzuarbeiten. Einfach wird das nicht.

Demmin.Noch vor Kurzem spielte das Wort „altersgerecht“ im strategischen Geschäft der Demminer Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft praktisch keine Rolle. Der Laden lief, die Sonne schien. Nun sind die Wolken da: Die Mieter werden immer älter, und aus den Dörfern des Umlandes sind mehr und mehr Rentner bereit, in die Stadt zu ziehen. Die Nachfrage nach Seniorenwohnungen ist kräftig gestiegen. Doch es gibt kaum Angebote.
Roman Gau, seit 2010 Geschäftsführer der WVG, hat das Thema darum mittlerweile zur Chefsache gemacht. „Wir hatten und haben da erheblichen Nachholbedarf“, räumt er ein. Gleich mit mehreren Großprojekten arbeitet Demmins kommunaler Wohnungsanbieter inzwischen dem demografischen Wandel in der Hansestadt entgegen, das erste hat endlich ein Dach: In der Goethestraße 37 lässt die WVG ein altes, lange leer stehendes Wohnhaus erstmals komplett auf die Bedürfnisse älterer Mieter umbauen. Barrierefrei und rollstuhlgerecht, mit bodenebenen Duschen und Rufanlage für den Pflegedienst. Auch einen Lift wird es geben, das Ding fährt sogar in den Keller. Die neun Wohnungen sind vergleichsweise teuer. Doch sie gingen weg wie warme Semmeln. Es gab mehr als 30 Anträge.
Fast nebenan auf dem Grundstück Goethestraße 5/6 soll gleich ein ganzer moderner Neubau komplett auf altersgerechtes Wohnen zugeschnitten werden. „Dort wird vom Konzept her auch gleich ein Pflegedienst integriert zur Betreuung der Mieter, außerdem gibt’s im Erdgeschoss einen Gemeinschaftsraum. ,Das Betreuungsangebot werden wir dort sozusagen fest integrieren“, sagt Gau. So gesehen ist es die Weiterentwicklung des Modellprojekts Goethestraße 37, wo man sich aus technischen Gründen an die Normen rollstuhlgerechten Wohnens nur annähern kann. Baubeginn für die Goethestraße 5/6: voraussichtlich 2015. Ein Jahr später sollen die 26 Wohnungen bezugsfertig sein.
Das eigentliche Problem des Wohnungsverwalters sind freilich die DDR-Plattenblocks. Demmin steht voll davon, die Mietskasernen des Sozialismus machen drei Viertel der WVG-Wohnungen aus. Die sind durchaus begehrt, die meisten Kommunalblocks wurden in den letzten Jahren saniert, doch die Treppentürme werden für ältere Mieter immer mehr zur Hürde. Ein Rollator ist nun mal kein Fahrstuhl.
Die Lösung wäre natürlich ein Lift. Doch so was ist teuer. Und bautechnisch kompliziert. Monatelange hat sich WVG-Chef Gau über dieses Thema den Kopf zerbrochen, er verglich Varianten und sprach mit Anbietern, sah sich an, wie das andere machen, in Saßnitz, in Malchin. „Alle haben mit den Wohnblocks ja das gleiche Problem. Und das ist nicht leicht zu lösen.“
Jetzt wollen die Demminer es angehen. Voraussichtlich 2015 soll erstmals in einem WBS-70-Block ein Lift eingebaut werden, in der Ernst-Moritz-Arndt-Straße. In welchem Aufgang, behält Gau noch für sich. „Das steht noch nicht genau fest. Und erst sprechen wir dann mal mit den Mietern.“ Denn das Modellprojekt hat es in sich: Der Einbau eines Fahrstuhls in einen Plattenblock ist technisch ein Heidenaufwand, da müssen Wände versetzt und Fundamente geändert werden, das greift in die Statik ein, auch der Schallschutz ist ein Problem. Und das ist nicht alles. So ein Lift kostet gut 200 000 Euro, danach treiben Wartung und Rufbereitschaft die Betriebskosten hoch. Werden die Mieter da mitgehen? Zumal mehrere Wohnungen je einen Teil eines Zimmer verlieren werden – irgendwo muss der Aufzug schließlich hin. „Natürlich werden wir diese Pläne mit den Einwohnern in allen Details diskutieren“, sagt Gau. „Gegen den Willen unserer Mieter machen wir so etwas nicht, ganz klar. Andererseits, wo ist die Alternative, wenn wir die Wohnblocks altersgerechter ausstatten wollen? Jede Medaille hat nun mal zwei Seiten.“
Mehr Komfort und Sicherheit für ältere Mieter zu schaffen, das geht auch ohne Getöse. Pro Jahr vermietet die WVG im Schnitt fast 180 Wohnungen neu. Viele davon werden mittlerweile mit bodengleichen Duschen, Haltegriffen im Bad und ähnlichem Senioren-Komfort ausgestattet und , wo immer es geht, rollstuhlgerecht umgestaltet.

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