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Schon früh ist ihr Lachen erstarrt

VonKirsten Gehrke

Eine 67-jährige Frau bricht ihr Schweigen. Dass sie ein so genanntes „Russenkind“ ist, hat sie nie vergessen können. Das Thema war allerdings immer tabu. Das will sie ändern.

Demmin.„Ich habe von einem Tag auf den anderen aufgehört, Kind zu sein.“ Edith H. (Name geändert) sitzt angespannt auf einem Stuhl. Kein Lächeln im Gesicht. Es fällt ihr schwer, darüber zu sprechen. Aber sie will reden, um anderen Menschen Mut zu machen, die Ähnliches erlebt haben. Reden hilft. Lange hat die 67-Jährige alles in sich hineingefressen. „Mit zunehmendem Alter kann ich drüber sprechen, früher habe ich nur geweint“, sagt sie.
Es holt sie immer wieder ein. „Es hat mein ganzes Leben bestimmt.“ Edith H. ist die Tochter eines Vergewaltigers, ihre Mutter wurde 1945 am Ende des Zweiten Weltkrieges vermutlich von einem russischen Offizier vergewaltigt. Genau weiß sie es nicht. Das Thema war in der Familie tabu.
Bis heute weiß sie nicht, wer ihr Vater ist. Sie weiß nicht, was für ein Mensch er war. Trotz aller Umstände hätte sie ihn gern kennen gelernt. „Um dich war immer ein Geheimnis, hat mir mal meine Schwester gesagt.“ Wie ein Fremdkörper habe sie sich auch gefühlt. Eigentlich sollte sie nie erfahren, wer sie ist. Doch mit 14 kam sie in ein Internat, hat sich dort gut eingelebt, war mit sechs Mädchen auf einem Zimmer. „Wir haben so rumgealbert, Späße gemacht“, erinnert sich Edith H. Bis plötzlich eine Freundin zu ihr sagte, ihr Vater sei nicht ihr richtiger Vater. Sie sehe aus wie eine Nina. „Das zog mir den Boden unter den Füßen weg, ich bin rausgelaufen und habe geweint.“ Ihr Lachen war erstarrt. Ihre Leistungen in der Schule fielen ab. Ihre Gedanken kreisten nur noch um das Unvorstellbare. Sie wollte es wissen, wollte die Eltern fragen, aber der Mut hat sie verlassen. „Ich hatte es mir fürs Wochenende fest vorgenommen, aber als ich fünf Meter von unserem Haus entfernt war, war der Mut weg.“ Bis heute hat die 67-Jährige noch nicht mit ihrer Mutter darüber sprechen können.
Auch so wusste sie nicht, wie sie die Wahrheit erfahren könnte. Nachbarn wurde eingebläut, ihr nie etwas zu erzählen, eine Tante sagte nur, dass die ihrer Mutter helfen wollte. Die Frauen hätten sich im Heu versteckt, sich festgekrallt aus Angst, als russische Soldaten mit einer Mistgabel durchs Heu pickten. Viele auf dem Hof seien vergewaltigt worden, wie ihre Mutter. Aber Genaues hat Edith H. nie erfahren. Nur einmal, als sie 19 war, hat die Mutter zu ihr gesagt, du hattest Recht mit deinem Vater. „Da hat sie so bitterlich geweint, dass ich nicht weiter fragte, weil ich ein schlechtes Gewissen hatte.“
Und dann wäre ihr fast dasselbe passiert. Im Ferienlager in der 10. Klasse sei sie auf dem Weg durch den Wald zum Heim von „einem fiesen Kerl“ angefallen worden. „Er hat versucht, mich zu vergewaltigen, meine Sachen waren zerrissen“, erinnert sich Edith H. „Ich habe mich so geschämt.“ Ihre Klassenlehrerin habe nur zu ihr gesagt, „du regst dich auf, dass deine Mutter so war, du bist auch nicht viel besser.“ Das habe sie dermaßen heruntergezogen, dass sie nicht mehr drüber sprechen konnte.
Sie baute sich einen Schutzpanzer auf, lenkte sich ab, in dem sie Andere unterstützte. Als Krankenschwester arbeitete sie in einer diabetischen Klinik, half Jugendlichen, die teils Suizidgedanken aussprachen, hörte ihnen zu. „So habe ich von meinen eigenen Problemen abgelenkt.“ In ihrer Arbeit hat sie Bestätigung gefunden. Früher sei es noch so gewesen, dass Krankenschwestern am Bett des Patienten sitzen mussten, wenn dieser Transfusionen erhielt. „Ich konnte gut zuhören.“ Bei ihr haben viele ihren Seelenmüll abladen dürfen. Bis heute hilft Edith H. Anderen, pflegt seit anderthalb Jahren ihre Mutter. Noch immer scheut sie sich, mit der Mutter über ihren Vater zu sprechen.
Die Demminer Psychologin Cornelia Wermke stellt fest, dass jetzt mehr und mehr ältere Damen zu ihr in die Praxis kommen, die über die Vergewaltigungen am Kriegsende erzählen. Sie wollen das Erlebte nicht mit ins Grab nehmen. Aber von den Kindern sei nie die Rede. Edith H. würde gern mit anderen so genannten„Russenkindern“ ins Gespräch kommen, erfahren, wie sie damit zurechtkommen.

Kontakt zur Autorin
gehrke@nordkurier.de

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