Nordkurier.de

Schuster Jaeger macht Platz für das Ritualbad

Heidemarie Vormann (Bildmitte) präsentierte Bauzeichnungen der 200 Jahre alten Synagoge von Dargun. [KT_CREDIT] FOTO/Repro: Gerald Gräfe
Heidemarie Vormann (Bildmitte) präsentierte Bauzeichnungen der 200 Jahre alten Synagoge von Dargun. [KT_CREDIT] FOTO/Repro: Gerald Gräfe

VonGerald Gräfe

Eine Architektin erinnert an das verschwundene jüdische Gemeindezentrum Darguns. Auch der Standort der Mikwe scheint geklärt.

Dargun.Heidemarie Vormann kehrte kürzlich nach fast neun Jahren für einige Stunden an den Klostersee zurück. Die Architektin aus dem Raum Bamberg, die damals für ihre Dissertation hier forschte, stellte den Teilnehmern der Tagung des Evangelischen Kirchenbauvereins kurz ihre Arbeit zu den erhaltenen jüdischen Synagogen in Mecklenburg, damit auch zu der von Dargun, vor.
Ausführlich ist die architekturbetonte Forschung als Dissertation „Bauhistorische Studien zu den Synagogen in Mecklenburg“ nachzulesen. Die Arbeit wurde 2010 an der Technischen Universität von Braunschweig verteidigt.
Heidemarie Vormann entwirft darin ein Bild der fast 200 Jahre alten Darguner Synagoge, wie diese nach mehreren Umbauten für die spätere Nutzung nur noch teilweise erhalten ist. Die originalen Fensteröffnungen und der nach außen kragende Erker für die Thorarollen sind verschwunden. Auf dem Hof verschwanden in den 1950er-Jahren der Pferdestall und der Wagenschauer für den Leichenwagen der jüdischen Gemeinde. Überbaut wurde der Brunnen. Das mindestens 1857 schon stehende Hinterhaus mit den Toiletten für die Synagogenbesucher und mit der Wohnung der jüdischen Familie Mitau wurde 1979 abgerissen.
Die Architektin stieß bei ihren Aktenstudien auch auf die Mikwe, das Ritualbad der Juden. Nach ihren Erkenntnissen wurde es 1811 errichtet, mehr als zehn Jahre vor der Synagoge. Vom 26. April 1811 datiert ein Vertrag mit dem Schuster Otto Jaeger über das Wegerecht auf dessen Büdnerei Nr. 37.
Demnach erwarb die jüdische Gemeinde von Jaeger ein Stück Land in der Größe von 20 mal 20 Fuß. Dies entspricht nicht ganz der heutigen Abmessung von 6 mal 6 Metern, also 36 Quadratmetern.
Auf dieser Fläche entstand das Ritualbad, wahrscheinlich ein Fachwerkbau mit Kamin und Heizkessel. Übrigens auch für die Ehefrau des Schusters, denn diese war jüdischen Glaubens. Am
20. März 1874 riss ein Sturm das Dach der Mikwe ab. Die wurde damals aber schon jahrelang nicht mehr genutzt. Die jüdische Gemeinde versteigerte die Bauruine auf Abriss meistbietend. Die Fläche blieb leer stehend. 1886 wollte der neue Eigentümer der Büdnerei, Friedrich Flegel, den Vertrag mit der jüdischen Gemeinde über die Brache auf seinem Grundstück aufheben und schrieb dazu an die Israeliten.
Diese hatten die Büdnerei 96 – die heutige Schlossstraße 58 – erworben und dort ihr Gemeindezentrum nebst Synagoge errichtet. Vermutlich sorgte der Brunnen auf dem Hof für das rituell vorgeschriebene „lebendige“, also fließende Wasser für die Reinigung der Gläubigen. Die neue Mikwe mag vielleicht in der Lehrerwohnung beziehungsweise im Gemeinderaum neben der Synagoge gelegen haben.
Doch wo stand das Badehaus von 1811? Die im Vertrag genannte Büdnerei Nr. 37 dürfte übrigens nach einem Abgleich mit einem damaligen Ortsplan der Gemeinde Dargun der heutigen Schlossstrasse 29, dem Bading‘schen Grundstück, entsprechen.

Mehr zu diesen Themen
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
×