Nordkurier.de

„Stalin, Dich vergessen wir nicht“

VonFrank Wilhelm

Der Alltag in Demmin in den 50er Jahren lief fast wie in jeder ostdeutschen Klein- stadt ab. Roland Thoms hat ihn erlebt, als Sohn eines Milchwarenhändlers.

Demmin.Der Spruch ist älter als 60 Jahre. Roland Thoms hat ihn aber immer noch drauf: „Hände falten. Kopf senken. Zehn Minuten an Stalin denken. Morgens kein Brot, abends kein Licht. Stalin, Dich vergessen wir nicht.“ Roland Thoms, der heute in Neubrandenburg lebt, muss schmunzeln. Damals konnte die Rezitation des Schüttelverses gefährlich werden, weiß Thoms. Der 74-Jährige war damals 15 Jahre alt, als der große Stalin Anfang März 1953 starb.
„Natürlich mussten wir an der Trauerfeier in der Aula teilnehmen.“ Ein Kondolenzbuch war ausgelegt. „Ein Lehrer brach in Tränen aus und musste gestützt werden.“ Thoms glaubt aber, dass die Betroffenheit vieler gespielt war. Die meisten jungen Leute seien damals noch kirchlich gebunden gewesen, glaubten an Gott statt an Politiker. „Uns war der Stalin-Kult zuwider. Wir haben die Verehrung als Götzendienst empfunden.“
Seine Eltern, Erna und Herbert Thoms, besaßen erst eine Molkerei in Demmin, später führten sie in der Gartenstadt einen „kleinen Kolonialwarenhandel mit Schwerpunkt Milch“, sagt Roland Thoms. „Milch-Butter-Käse Thoms“ – so der Name des Geschäfts in der Bromberger Straße 15, heute Thomas-Mann-Straße. Die Mutter rettete den Laden über den Krieg hinweg, der Vater war von 1942 bis 1948 Soldat und in Gefangenschaft. Drei Kinder musste sie durchbringen „Wir hatten Glück, dass wir so dicht an Milch und Butter aufgewachsen waren.“
Drangsalierungen gegenüber den privaten Geschäftsleuten, die ab Anfang der 1950-er Jahre in der DDR einsetzten, spürten auch die Thoms. Im Radio in der „guten Stube“ lief in der Regel der Rias, die Tür zum Laden stand meist offen. Da habe es schon „zwei, drei Drohungen gegeben, uns den Laden wegzunehmen“, erinnert sich der 74-Jährige. Milch wie andere Grundnahrungsmittel war noch zugeteilt. Auf die Abrechnung der Milchmarken schauten die Kontrolleure penibel. „Ich habe nächtelang Marken geklebt. Einmal haben wir falsch gezählt, danach gab es eine tagelange Revision“, weiß Thoms noch. Waagen und Kellen wurden genauestens vom Eichamt untersucht. „Meine Eltern waren immer in Sorge, dass ihnen der Laden weggenommen wurde.“

Anfangs keine Chance aufs Abi als „Kleinkapitalist“
Im Frühjahr 1953 stand für ihn die Frage, wie es weitergehen sollte mit der Schule. Seine Leistungen hätten für die Erweiterte Oberschule (EOS) gereicht. Aber „Käseladen und Kleinkapitalist?! Kommt nicht infrage“, sei ihm vorgehalten worden, erinnert sich Thoms. Die Plätze auf der EOS wurden vorrangig an Kinder von Arbeitern und Bauern vergeben. Thoms wollte in die Schweiz gehen, wo Verwandte lebten.Dann der 17. Juni 1953: Der Rias berichtete zwar über Berlin und andere Zentren des Aufstands, nicht aber über die Provinz wie Demmin. Die Informationen aus der Region holte man sich seinerzeit von der Straße, aus den Gesprächen vor der Haustür, sagt Thoms. Viele Demminer arbeiteten auf der Volkswerft in Stralsund, wo 5000 Arbeiter streikten. Väter von Thoms‘ Schulkameraden waren darunter, die natürlich viel zu erzählen wussten. Die geflügelte Forderung damals: „Der Spitzbart muss weg.“ Gemeint war SED-Chef Walter Ulbricht. Auch für Roland Thoms war der 17. Juni 1953 eine Zäsur. „Das war ein Punkt, der mir sagte: Irgendetwas stimmt da nicht mit dem Kommunismus.“
Den Sommer 1953 verbrachte Thoms in der Schweiz, mit dem Ausblick auf eine Lehrer als Mechaniker bei Swissair. Bis ihn im August ein Telegramm seines Vaters erreichte. Inhalt: „Du hast doch einen Platz auf der Oberschule bekommen.“ Für das Abitur kehrte er noch einmal zurück in die Peenestadt – bis 1958. Viele aus den damaligen Demminer Abiturjahrgänge studierten in Westdeutschland. Dies sei üblich gewesen – der Weg zurück in die DDR war noch zugelassen. Auch Thoms ging nach dem Abi in den Westen – zunächst nach Furtwangen im Schwarzwald, wo er Ingenieur wurde.
„Ich glaubte damals, ich studiere erst und dann ist die Einheit Deutschlands wieder da.“ Doch bald waren die Grenzen ganz dicht – Thoms blieb im Westen. Seine Karriere führte ihn unter anderem nach Wetzlar, nach Mühlheim, in die USA und nach China. Politisch sei er „immer ein engagierter Sozialdemokrat gewesen“. Die Wende gab ihm die Chance, zurückzukommen in seine Heimat. Er hatte Ambitionen aufs Demminer Bürgermeisteramt, übernahm dann aber mit Partnern einen ehemaligen Volkseigenen Betrieb (VEB), ehe er 2007 endgültig ausstieg. „Milch-Butter-Käse Thoms“ gab es noch bis 1969 in Demmin. Nachdem der Vater gestorben war, schloss Erna Thoms das Geschäft im Sommer 1969 und folgte ihrem Sohn in den Westen.

Kontakt zum Autor
f.wilhelm@nordkurier.de

Mehr zu diesen Themen
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
×