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Trotz Drohungen die Schulfreundin nicht im Stich gelassen

Von unserem Mitarbeiter
Gerald Gräfe

1942 wurden die letzten Juden Güstrows deportiert. Eine gebürtige Dargunerin spendete ihnen bis zum Abtransport in den Tod Aufmerksamkeit und menschliche Güte.

Dargun/Güstrow.Am 10. Juli 1942 wurden die letzten drei jüdischen Bürger Güstrows, darunter zwei Frauen, deportiert – in ihren Tod wohl im Vernichtungslager von Auschwitz. „Eine Lehrerin hatte den Mut, die beiden zu begleiten, solange es nur irgend ging.“ So liest es sich in einer Schrift, welche in Güstrow ausliegt. Verfasser Folker Hachtmann, Pastor i. R., erinnert darin an das Schicksal der Jüdin Mathilde „Tilli“ Frank und deren Mutter Bertha, geborene Marcus. Dabei bezieht er sich auf eine 1960 erschienene Veröffentlichung von Victor Wittkowski, einem Cousin der Tilli Frank. Der Mann hatte nach 1945 aus dem Munde besagter Lehrerin vom Schicksal seiner Angehörigen erfahren.
Diese mutige Lehrerin hieß Edith Kerstenhann und wurde 1888 in Dargun geboren. Dort ist von der Frau heute so gut wie nichts mehr bekannt. Ihr Vater Dr. jur. Kerstenhann war Amtsrichter in Dargun. 1889 verzog er mit seiner Familie nach Güstrow, wo er zum Ersten Staatsanwalt aufstieg. 1921 wird er als Generalstaatsanwalt am Oberlandesgericht in Rostock genannt. 1927 als solcher im Ruhestand, verstarb der Jurist 1932 in der Hansestadt.
Tochter Edith verblieb als Lehrerin in der Barlachstadt. Ihre Schulfreundin Tilli, ebenfalls 1888 geboren, wählte ebenso den Pädagogen-Beruf. Im Dritten Reich durfte die Jüdin ihren Beruf nicht mehr ausüben. Doch die Freundschaft der beiden Frauen blieb, trotz gewisser „Ermahnungen“.
In den Aufzeichnungen des Victor Wittkowski lesen sich die Erinnerungen der Lehrerin so: „Man hatte mich schwer verwarnt. Schon wiederholt und immer wieder. So hatten Tilli und ich uns in den letzten Wochen auch vorwiegend draußen getroffen. Stundenlange Heidbergwege. Im letzten Winter bei 25 Grad Kälte abends bei den Badeanstalten ... Nachdem die schreckliche Nachricht vom Abtransport gekommen war, ließ ich alle, aber auch alle Vorsicht fallen, und Tilli kam jeden Abend. Am letzten Abend hatte ich einen großen Menschenkreis bei mir. Es waren tiefernste Feierstunden, bis Mitternacht. Dann waren Tilli und ich noch allein bis etwa halb vier. Bei Sonnenaufgang brachte ich sie vor meine Haustür, das war das Letzte.“
Victor Wittkowski bewertet die Haltung der damals 54-jährigen Edith Kerstenhann so: „Es ist mir ein innerstes, dringendes Bedürfnis, ihrer an dieser Stelle zu gedenken – der hohen Gesinnung ihrer Seele und ihres stillen, unbeirrbaren Wagemutes. Tilli und ihre Mutter waren eingesperrt in die schrecklichen Mauern der Isolationshaft inmitten ihrer Heimatstadt Güstrow. Edith Kerstenhann hat es gewagt, sich dieser Diskriminierung nicht zu unterwerfen.“

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