Nordkurier.de

Wenn der Ton zart orange leuchtet

Sabine Grundmann hält sich ihre Wollelieferanten selbst. Derzeit laufen drei Mutterschafe und sechs Lämmer auf ihrem Hof. Die frisch geschorene Wolle färbt sie gerade.  FOTO: Kirsten Gehrke
Sabine Grundmann hält sich ihre Wollelieferanten selbst. Derzeit laufen drei Mutterschafe und sechs Lämmer auf ihrem Hof. Die frisch geschorene Wolle färbt sie gerade. FOTO: Kirsten Gehrke

Von Kirsten Gehrke

Pflanzen sind immer für eine Überraschung gut. Welche Farbe sie entfalten, können Besucher bei der Textilkünstlerin Sabine Grundmann selbst ausprobieren mit Wolle.

Medrow.Knallrote Rosenblätter können schon mal eine grüne Farbe ergeben. „Die Wurzeln sehen auch nicht rot aus“, sagt Sabine Grundmann. Sie überraschen aber mit zarten Orangetönen. Wenn die Textilkünstlerin Wolle oder Stoffe färbt, muss nicht das herauskommen, was man sieht. „Das ist eine spannende Sache“, meint sie. Sie experimentiert gern. Über Jahrtausende seien Menschen davon begeistert, welche Farben die Natur hervorbringt. In Europa sei die Färbung eingeschränkt. Es gibt kein Rot. Dazu braucht’s Exotisches, wie Krappwurzeln oder Cochenille, ein Farbstoff, der aus Schildläusen gewonnen werden kann, die auf Kakteen in Mexiko wachsen.
Wolle färben, das will Sabine Grundmann auch ihren Besucher zu Kunst:offen über Pfingsten ermöglichen. „Ich stehe drauf, dass Leute etwas selbst machen können“, sagt die Medrowerin. Ihre Schafe hat sie frisch geschoren, die erste Wolle bereits in einer Hofaktion mit ihren Erzieher-Schülern aus Greifswald mit Krappwurzeln gefärbt. Nun will sie ihren Pfingstgästen zeigen, wie vielfältig und harmonisch Pflanzenfarben sind. Kinder können Mobile filzen, wer Lust hat, kann sich am Spinnrad versuchen oder die Künstlerin führt vor, wie nicht Stroh zu Gold wird, aber wie ein Bausch zu einem Faden.
Wenn Sabine Grundmann zu Pfingsten ihr Haus öffnet, dann trifft sich jedes Jahr auch die Familie hier. Ihre Schwester kommt aus Leipzig, ihre Kinder musizieren, sie lädt sich Leute ein, die sie nur selten sieht. So motiviert sie sich, bei Kunst:offen mitzumachen. Ansonsten könnte sie Pfingsten nie etwas unternehmen. „Aber es ist immer wieder schön, neue Menschen kennenzulernen“, sagt die 51-Jährige. Viele kämen von weither, aus Rostock, Schwerin, Berlin, die neugierig auf ihre Arbeiten sind, weil sie im Internet von der Künstlerin gelesen haben. Wenn sie dann die Sachen mit ihren eigenen Augen sehen und hin und weg sind, das ist immer ein besonders schöner Augenblick. 2012 sei daraus sogar ein Auftrag entstanden. Eine Familie aus Waren wünschte sich eine größere Arbeit aus Pergament.
Mit Wolle beschäftigt sich Sabine Grundmann nur nebenbei, als Attraktion für Kunst:offen. „Spinnen kann man nur aus Spaß machen“, meint sie. „Es ist ein tolles Handwerk. Wenn ich es weitergeben kann, freue ich mich.“ Ihre Spezialität ist eigentlich Pergament. Sie bereitet gerade eine Ausstellung im Herbst im Max-Planck-Institut in Greifswald vor und will da neue Sachen präsentieren.
„Ich bin schon über die Entwurfsphase hinaus“, sagt sie. Tests habe sie schon gemacht. Ähnlich den Flugobjekten mit ihrem Schwarmverhalten, wie schon im Lübecker Speicher ausgestellt, stellt sie sich die Arbeiten vor – lichtdurchflutet. In Gedanken stellt sie sich den Flur des Instituts vor, wählt Farben und Form. Wenn es hängt, darf es nicht zu klein sein. „Mindestens 1,80 Meter.“ Das Pergament – Tierhaut – färbt sie selbst, es soll transparent sein.
Das Material kennt sie schon lange. Sie hat Buchbinden gelernt. Zu DDR-Zeiten hat man dafür noch Pergament verwendet. In der einzigen Pergament-Manufaktur Mitteleuropas, in Altenburg, hat sie gearbeitet. „Es ist ist ein einzigartiges Material“, sagt sie. Wenn es nass ist, sei es weich und wabblig, wenn trocken dann fest und stabil. Die Buchbinderei allein war ihr zu wenig. Sie studierte an der Hochschule für Kunst und Design in Halle, lernte Spinnen, Weben und Weißstickerei. In ihrem künstlerischen Schaffen entdeckte Sabine Grundmann das Pergament wieder, entwarf zauberhafte Korsagen. Was die Medrowerin sonst noch macht, davon können sich die Besucher von Kunst:offen zu Pfingsten überzeugen.

Kontakt zur Autorin
k.gehrke@nordkurier.de

Mehr zu diesen Themen
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
×