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Wo das Auto zur Waffe wird

Die Aula der Berufsschule in Demmin war voll mit vorwiegend jungen Männern, die sehr aufmerksam zuhörten. Die Bilder und Erfahrungsberichte der Betroffenen stimmten sie nachdenklich.  FOTOs: Jana Otto
Die Aula der Berufsschule in Demmin war voll mit vorwiegend jungen Männern, die sehr aufmerksam zuhörten. Die Bilder und Erfahrungsberichte der Betroffenen stimmten sie nachdenklich. FOTOs: Jana Otto

VonJana Otto

Schonungslos offen und hoch emotional bekamen Berufsschüler vor Augen geführt, wie Verkehrsunfälle Leben verändern. Ein „Crash-Kurs“, der an die Verantwortung junger Fahrer appelliert.

Demmin.Die Bilder brennen sich ein: Völlig zerstörte Autos, Blut, ein Radfahrer unter einem Lkw, ein toter Motorradfahrer. Mucksmäuschenstill war es in der Aula der Beruflichen Schule in Demmin, als der Film lief. Junge Berufsschüler im Alter von 16 bis 25 Jahren, vorwiegend Männer, schauten sich die bewegenden Bilder an. „Sie stammen nicht aus einem Actionfilm, sondern sind bittere Realität“, sagte Torsten Dowe. Der Sachbearbeiter für Prävention im Neubrandenburger Polizeipräsidium moderierte diesen „Crash Kurs MV“, ein Projekt der Polizei und der Verkehrssicherheitskomission.
Torsten Dowe reist seit Jahresbeginn damit durch das Land Mecklenburg-Vorpommern. „Uns geht es darum, zu helfen, dass ihr niemals in der Unfallstatistik auftaucht. Wir möchten euch klar machen, wie stark ein Unfall das Leben verändert“, erläuterte Dowe anfangs und bot an, dass diejenigen, denen die Bilder zu viel sind, die Veranstaltung verlassen können und einen Gesprächspartner an die Seite bekommen.
Denn das, was das Team präsentierte, war tatsächlich nichts für schwache Nerven. Nicht nur, dass die Bilder von Verkehrsunfällen schockierten, viel eindrucksvoller für die jungen Leute war das, was ihnen Betroffene schilderten. Das Team dieses Crash-Kurses besteht aus den Menschen, die bei Unfällen zuerst an der Einsatzstelle sind: Ein Polizist, ein Feuerwehrmann, ein Notarzt. Darüber hinaus gehört eine Seelsorgerin dazu, die sowohl für Hinterbliebene als auch für Einsatzkräfte Ansprechpartnerin ist. Und eine Mutter, die eines ihrer vier Kinder durch einen Verkehrsunfall verlor. Den jungen Leuten wurde sehr deutlich vor Augen geführt, warum das Auto zu einer tödlichen Waffe werden kann und welche Konsequenzen Regelverstöße wie zu schnelles Fahren, Alkohol am Steuer oder der fehlende Gurt haben können.
So schilderte der Feuerwehrmann, der auf eine über 30-jährige Erfahrung zurückblicken kann, dass er seine Uniform an den Nagel hängen musste, weil er der andauernden psychischen Belastung nicht mehr standhielt. Unter Tränen erinnerte er sich an konkrete Ereignisse. Ebenso der Notarzt. „Wir öffnen für euch unseren Rucksack und holen Fälle heraus, die wir eigentlich lieber vergessen möchten“, sagte der Mediziner. Der Arzt berichtete von einem Motorradunfall, bei dem zwei junge Menschen ihr Leben verloren. „Man nimmt den Helm ab, schaut in ein unverletztes Gesicht und sieht, dass darin kein Leben mehr ist“, schilderte er, wobei ihm die Stimme versagte.
Ähnlich ergreifend waren die Berichte des Polizisten und der Seelsorgerin. Ganz zum Schluss sprach die Mutter zu den Jugendlichen. Sie versuchte, ihren unsagbaren Schmerz in Worte zu fassen und appellierte an die jungen Leute, ihren Eltern so etwas nicht anzutun.
Die Stille in der Aula war geradezu erdrückend und dieser Crash-Kurs hat das erreicht, was die Initiatoren wollten: Das Bewusstsein der jungen Fahrer zu schärfen und Auswege anzubieten. „Ihr habt es selbst in der Hand und es gibt eben nur diese eine Chance und kein Zurück“, schloss Torsten Dowe. Im Vorraum der Aula lag Informationsmaterial aus und alle Team-Mitglieder standen für Gespräche bereit. Doch wirklich reden wollte so unmittelbar nach dem Kurs kaum noch jemand.

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J.otto@nordkurier.de

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