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Wo gemeinsames Lernen die Noten überflüssig macht

VonJana Otto

Künftig sollen Kinder mit unterschiedlichem Förderbedarf an ganz normalen Grundschulen unterrichtet werden.
Dass Inklusion funktionieren kann, erleben Lehrer und Schüler des evangelischen Schulzentrums täglich.

Demmin/Jarmen/Loitz.„Was denken Sie, wer von diesen Kindern hat einen besonderen Förderschwerpunkt?“, fragt Jörg-Uwe Braun leise. Die Schüler sitzen an verschiedenen Stellen im Raum, jeder ist vertieft, es ist mucksmäuschenstill. Während der eine liest, setzt der andere Wörter zusammen und wieder andere Kinder sitzen
am Computer und rechnen. Die Antwort auf Brauns
Frage ist auch nach längerem Beobachten nicht zu finden. Das eben sei Inklusion, erläutert der Leiter des evangelischen Schulzentrums in Demmin, zu dessen Schülern auch zahlreiche Kinder aus den Amtsbereichen Jarmen-Tutow und Peenetal/Loitz zählen.
Was das Land Mecklenburg-Vorpommern für alle Grundschulen plant, ist hier längst Realität: Sehr gute Schüler lernen in jahrgangsübergreifenden Gruppen gemeinsam mit leistungsschwächeren und solchen, die einen besonderen Förder-
bedarf haben. „Jedes Kind kann hier seinen Fähigkeiten gemäß lernen“, sagt Jörg-Uwe Braun. Das biete Chancen für alle. Die leistungsstärkeren müssen nicht warten, bis alle Klassenkameraden den Stoff verstanden haben und können individuell weiterarbeiten. Den Schwächeren hingegen wird die Zeit gegeben, in ihrem Tempo Lernfortschritte zu erzielen.
Jörg-Uwe Braun kennt die Diskussionen um die Inklusion, auch die Vorbehalte. Diese kann der Pädagoge zwar nachvollziehen, im Arbeitsalltag seiner Schule bewahrheiten sie sich jedoch nicht. Dass das gemeinsame Lernen hier so gut funktioniert, liege vor allem an dem didaktischen Konzept. „45 Minuten lang Frontalunterricht schaffen Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten oder geistigen Entwicklungsverzögerungen einfach nicht“, weiß Jörg-Uwe Braun.
Er setzt auf andere Methoden. Jedes Kind arbeitet nach einem Wochenplan, auf dem die individuellen Lernziele festgeschrieben sind. Wann der Schüler aber die Aufgaben erledigt, bleibt ihm überlassen. Damit das funktioniert, wurden die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen. Alle Räume werden genutzt, sodass die Kinder sich auch zurückziehen können, um ihre Aufgaben zu erledigen. Die Lehrer haben so die Möglichkeit, auf jedes Kind individuell einzugehen und seine Lernfortschritte unmittelbar zu erfahren oder eben nachzusteuern, wenn es Schwierigkeiten gibt.
„Die Gefahr, auf der Strecke zu bleiben, ist so viel geringer“, ist der Schulleiter überzeugt. Ein weiterer Vorteil sei, dass auch das Kind direkt erfahre, wo es steht.
Noten seien dabei völlig
überflüssig. „Kinder brauchen die Noten auch nicht. Zensuren sollen eine Rückmeldung geben, das aber geht in Gesprächen direkter und zeitnaher“, sagt der Schulleiter.
Solche Konzepte fielen nicht vom Himmel, es brauche Zeit, die nötigen Voraussetzungen zu schaffen. „Wie alle Lehrer bemühen wir uns, unsere Arbeit gut zu machen. Dabei sind wir nicht die Helden und auch wir haben Probleme, wie es sie an jeder Schule gibt.“

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