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Wohnen, wo andere Urlaub machen

VonKerstin Pöller

Ein uriges Dorf mit vielen jungen Leuten - Trittelwitz an der Peene. Aber die Anbindung ans öffentliche Verkehrsnetz ist schlecht, es gibt nur den Schulbus.

Trittelwitz.„Himmelfahrt ist hier mehr los!“ ist sich Joachim Schnierer sicher. Der Darguner und seine Frau Edelgard scheinen in der Mittags-Mai-Sonne am Trittelwitzer Wasserwanderrastplatz die einzigen Sportler zu sein. Mit dem Fahrrad unternehmen sie gern mal Touren wie die über Aalbude nach Trittelwitz und weiter nach Upost, und Zarnekow. „Auf dem Sandweg nach Upost fährst du als Urlauber aber nur einmal!“ warnt Edelgard Schnierer lachend. Während sie Fahrt aufnehmen, ist nebenan auf der „Dolce Vita“, der einzigen Motoryacht im Hafen, Dösen angesagt. Eine Herren-Crew aus Wolfsburg ankert. Ihre 19. Männertour führte sie zum ersten Mal auf die Peene von Neukalen bis Rankwitz und zurück. „Spitze“ urteilen die fünf einhellig.
Kurz nach dem Mittag pflügen auch die ersten Paddler und Kanuten durch das fast scheibenglatte Peenewasser, eine Demminer Familie kommt zum Verdauungsspaziergang an den Rastplatz. „Wenn hier was los ist, dann in der Gaststätte, die ist voll“, geben sie als Tipp.
So ist es. Heidelore Erich (61) und Helmut Gau (68) servieren gerade für die Demminer Geburtstagsrunde Beese. „Eigentlich öffnen wir sonst auch erst um 14 Uhr, wenn dann so nach und nach in der Saison die Paddler eintrudeln“, erklärt Helmut Gau. „Außer, wenn wie heute Mittagessen bestellt wird.“ Die Saison allein wäre hier zu kurz für die beiden zum Überleben. Aber mit dem Saal, der für Familienfeiern inzwischen lange vorbestellt werden muss, um reinzukommen, und der Pension, geht es.
„Es wurde jetzt Zeit, dass die Sonne rauskommt“, sagt Helmut Gau. Als er – in der Baubranche zu Hause – und seine Frau – Architektin - vor 7 Jahren den Landgasthof übernahmen, waren die Einheimischen erst ein bisschen skeptisch Immerhin wurde der vorher zehn Jahre nicht bewirtschaftet. „Nachdem wir aus vor allem logistischen Gründen hier her gezogen sind, gehörten wir einfach dazu. Es ist ein uriges Dorf mit erstaunlich vielen jungen Leuten“, findet Heidelore Erich. „Das Dorf ist eine feste Gemeinschaft, hier kennt jeder jeden, hilft jeder jedem“, ergänzt der Gastwirt. Nur Auto fahren müsse man können. „Die Anbindung ans öffentliche Verkehrsnetz ist einfach schlecht. Es gibt nur den Schulbus.“
Davon kann Laura Finck ein Lied singen. Jeden Morgen um 5.15 Uhr klingelt ihr Wecker. Um 6.28 Uhr fährt dann der Schulbus nach Stavenhagen, der sie, ihren jüngeren Bruder Jonas und drei weitere Trittelwitzer Junioren eine Stunde durch die Gegend kutscht. Der Bus nach Demmin fährt wenig später. „Da fahren 4 Kinder mit“, erklärt die Neuntklässlerin.
„Na ja, ich würde mir schon ein paar mehr Gleichaltrige hier wünschen, meine Freunde wohnen alle weit weg, das ist doof.“ Meist bleibe ihr nur, mit ihrem Bruder Fußball zu spielen. Aber der sei kein so begeisterter Sportler. Also eher Computer... Ihr Vater Wolfgang pendelt – seit inzwischen 18 Jahren - jede Woche von Trittelwitz nach Hamburg zu seiner Baufirma. „Wir haben 1996 hier neben meinen Eltern das Haus gebaut – sonst wären wir auf keinen Fall mehr hier!“, meint er. Auch wenn es hier sehr schön sei – landschaftlich, so dicht an der Peene und seine Frau Arbeit hat. Nebenan stehe ein Haus leer, dessen Bewohner seien auch gerade nach Hamburg gezogen wegen der Arbeit. Und sie bekämen das neue Haus nun nicht verkauft. Eben, weil es hier keine Arbeit gibt.
Pastor Kretschmer, die Zellmers oder Wanda Kramer haben diese Sorgen nicht mehr. Wanda Kramer ist 91 und die Dorfälteste. Sie kam aus Ostpreußen in den letzten Kriegstagen hierher, lernte ihren Mann kennen und bekam drei Töchter. Aber es geht ihr nicht so gut heute, sie mag nicht viel erzählen. „Alle verstehen sich gut hier, aber oft ist das Dorf heute wie ausgestorben“, sagt sie. Der zweitälteste Trittelwitzer ist Albert Ladendorf. Er war nach dem Krieg Bürgermeister im Ort. „Die Familien Plötz, Asmus, Finck oder die Ladendorfs - sie könnten wohl am meisten erzählen aus der Vergangenheit“, sagt Elektromeister Jürgen Bahresel. Er und sein Bruder Klaus gehören auch zu den Urgesteinen. „Unsere Großeltern wohnten in Schönfeld nahe der ehemaligen Ziegelei. Kennen Sie den Ziegelei-Kanal?“ fragt Jürgen Bahresel. „Da hat man später die Erdölleitung Schwedt-Rostock verlegt. Man erkennt die Stelle an den Tonnen im Wasser, den einzigen Tonnen hier in der Gegend in der Peene.“ Dem Fluss, der hier so viele Geschichten freilegt...

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red-demmin@nordkurier.de

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