Januar 30, 2012
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Geschichte von Erwin Rosenthal

Die Piraten vom Jordansee

Am Fuße des Gosanberges auf Wollin ruht der Jordansee.Dieser wird nicht nur in der Dichtkunst erwähnt, sondern ist Schauplatz für Legenden um Menschenopfer und Seeräuberschätze.

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Ein Blick auf den Jordansee um 1900: Zu der kleinen Insel im See führte eine Brücke. Es hieß, wer die erste Seerose aus dem Wasser pflückt, muss noch im gleichen Jahr sterben.
Foto: Repro: Erwin Rosenthal
Wollin.

 

Die Woiwodschaftsstraße 102, die von Misdroy nach Kolberg führt, säumen zahlreiche Sehenswürdigkeiten.Bereits auf den ersten zehn Kilometern bis Neuendorf sind es fünf.Keineswegs versäumen sollte man den Besuch des Jordansees, der auch in der Literatur erwähnt wird.


So schreibt der Dichter Theodor Fontane in seinem Buch „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ zwar zunächst über den in der Märkischen Schweiz gelegenen kleinen Tornowsee: „Das Wasser ist schwarz, dunkle Baumgruppen schließen es ein, breite Teichrosenblätter bilden einen Uferkranz und die Oberfläche bleibt spiegelglatt, auch wenn der Wind durch die Bäume zieht.“ Dann fügt er jedoch hinzu, dass der Jordansee auf der damals noch zu Deutschland gehörenden Insel Wollin der vielleicht schönste derartige See im Norden ist. Ein weiteres Denkmal setzte der pommersche Chirurg Carl Ludwig Schleich, der auf Wollin seine Wurzeln hatte,diesem stillen und geheimnisvollen Seein seinem Buch „Es läuten die Glocken“.


In der Tat ähnelt der 17 Meter über dem Meeresspiegel liegende, fast drei Hektar großeJordansee dem durch Fontane beschriebenen märkischen Kleinod. Seerosen und Mummeln sprießen aus dem bis über sechs Meter tiefen, dunklen Wasser empor. Schlanke Erlen, knorrige Kiefern und weit ausladende Buchen, deren lange Äste das Wasser zu berühren scheinen, spiegeln sich im See. Auf einem schmalen Pfad lässt er sich umrunden. Da er sieben Buchten hat, ist er jedoch von keiner Stelle aus vollständig zu überblicken.


Die Attraktivität des nur 300 Meter von der Ostsee entfernt liegende Naturwunders mit seiner kleinen, über eine Brücke erreichbaren Insel, einer Gaststätte und dem nahen Forsthaus verfehlte ihre Wirkung nicht. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Gelände durch das Anlegen von Wegen für Ausflügler und Touristen erschlossen. Von Misdroy aus gab es gar Bootsfahrten mit der „Adria“ hierher. Fast ein Jahrhundert lang blieb das Naturidyll für viele Menschen das lauschigste Plätzchen auf Wollin.


Um den See rankt sich eine Vielzahl von Sagen mit Elfen, Göttern, Seeräubern und Naturwundern. Schon Thomas Kanzow berichtet in seiner um 1538 erschienenen „Chronik von Pommern“ über Gespenster am Jordansee. Auf der kleinen Insel soll sich einst das Heiligtum der Göttin Hertha befunden haben. „Heidnische“ Priester mussten der Göttin einmal im Jahr nach deren Umzug und dem sich anschließenden Bade im See ein per Los ausgewähltes zwölfjähriges Mädchen opfern.


Auf dem nahen Gosanberg soll jedoch ein sehr schlechter und ungläubiger Mensch gelebt haben. Ihm schickte der Teufel angeblich sieben böse Geister, die das Heiligtum der Göttin zerstörten. Diese rächte sich zwar an den Übeltätern, verließ jedoch den See und wandte sich dem Herthasee auf Rügen zu, wo sie ihr neues Heiligtum errichtete.


Später verbarg sich angeblich Störtebeker mit seinen Gesellen hier. Gescharrt hatten sich die Piraten um Stina, eine junge Frau, die wilder und tapferer war als die Männer. Man sagt, der Sohn des Gutsherren, bei dem sie als Magd diente, habe sie verführt und dann verstoßen. Daraufhin schwor sie allen Männern Rache, insbesondere aber den vornehmen unter ihnen. Als schließlich zwei entflohene Gefangene den Schlupfwinkel der Bande verrieten, wurden alle Räuber getötet. Stina selbst ertränkte sich im See, wo auch die Schätze versenkt wurden. Noch heute soll sie darauf hoffen, von einem am Johannistag geborenen Mädchen erlöst zu werden. Jenen Punkt auf der Steilküste, von dem aus Stina den Seeräubern mit einer roten Flagge signalisiert hatte, dass keine Gefahr drohe, nannte man später Stinas Utkiek.


Der Name des Sees hat sich im Lauf der Zeit mehrfach geändert. Im Jahre 1186 wird in einer Urkunde des Herzogs Bogislaw I. für das Areal die Bezeichnung „lacum Gardino“ verwendet. Später setzte sich der Name Gertasee – auch Gerdasee oder Jörmssee – durch. Die volkstümlichen Namen Hertha, Gerda und Jörms stehen ganz offensichtlich für Nerthus, die Mutter Erde. In Tacitus Germania ist sie die Fruchtbarkeitsgöttin.


Die Bezeichnung Jordansee ist hingegen christlichen Ursprungs und wurde erstmals auf der Karte der schwedischen Landesaufnahme von Vorpommern aus dem Jahre 1692 verwendet. Mit dem neuen Namen distanzierte man sich von den „heidnischen“ Germanen, deren Gottheiten gar Menschenopfer forderten.
Das Gebiet um den See war aber nicht nur Idylle, sondern auch Wirtschaftsstandort. In den 1820er Jahren ließ der verdienstvolle Oberpräsident Pommerns, Johann August Sack, nördlich des Sees eine Heringspackerei errichten. Dort wurde während der Saison der Hering unter staatlicher Aufsicht nach Qualität sortiert und in gekennzeichneten Holzfässern eingesalzen. Der preußische Staat lieferte unentgeltlich das Steinsalz. Verkauft wurden die Heringe in den Kolonialwarenläden. Pellkartoffeln und Heringe bildeten im Winter ein beliebtes und für die weniger begüterten Inselbewohner auch erschwingliches Gericht.
Später wurde hier eine Zementfabrik in Betrieb genommen, die ihr Wasser aus dem Jordansee bezog. 1877 stellte man die Zementproduktion jedoch wieder ein. Die Villa des früheren Fabrikbesitzers nutzte man fortan als Forsthaus. Dieses Haus gibt es noch heute. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde es Teil eines exklusiven, mit einem hohen Zaun versehenen Ferien- und Schulungsobjektes fürmehr als 100 Menschen, bestehend aus Villen mit Ferienwohnungen, Bungalows und Finnhütten. Das Objekt, das den Jordansee komplett einschließt, war zunächst der polnischen Politprominenz vorbehalten. Erst nach der politischen Wende konnte sich hier jedermann erholen. Noch im Jahr 2005 standen für die Gäste Ruderboote bereit, mit denen sie den See erkunden konnten.


Die Insel, auf der sich einst das Heiligtum der Göttin Hertha und später die Schätze der Likedeeler befunden hatten, wurde nun als Grillplatz genutzt. Leider sind die Tore der gastlichen Stätte heute geschlossen, das Domizil liegt verwaist. Der Besucher bleibt im Wortsinn Zaungast. Eine Entscheidung über die zukünftige Nutzung des sensiblen Naturidylls, das heute zum Nationalpark Wollin gehört, steht noch aus. Man darf gespannt ein, wann die Tore wieder für Gäste geöffnet werden.

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