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Greifswalder Studenten-WG überlistet die Spitzenpolitik

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück im Sudentenwohnheim des Studentenwerks der Universität Greifswald.
SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück im Sudentenwohnheim des Studentenwerks der Universität Greifswald.

Es ist Wahlkampf und der Politikertourismus ist zurück. Auf der Jagd nach den besten Fotomotiven rangiert derzeit ein Greifswalder Studentenwohnheim ganz oben, das in den vergangenen Monaten öfter von sich Reden machte. Der Grund: In dem heruntergekommenen Wohnheim wohnen fast nur ausländische Studierende, es gibt regelmäßig Probleme zwischen den Bewohnern und ihren Nachbarn. Das Studentenwerk, dem das Haus gehört, würde es gern sanieren, doch es bekommt kein Geld dafür.

Und so lud das Werk alle Bundestagskandidaten ein – und die kamen eilends: Erst schaute im März SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück in der Anlage vorbei. SPD-Wahlkreis-Kandidatin Sonja Steffen hatte ihn quasi mitgebracht. Später kam die grüne Direktkandidatin Claudia Müller und zuletzt folgte Linke-Kandidatin Kerstin Kassner. Die Stadt Greifswald ist brisant für alle Parteien: Sie gehört seit diesem Jahr zum Wahlkreis von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) – auch die war zum Ortsbesuch eingeladen. Bloß: Sie sagte ab, wenn auch „in einem freundlichen Brief“, wie das Studentenwerk mitteilt. Ihre Begründung: Das Thema falle nicht in ihre Zuständigkeit. Verblüffend – immerhin ist sie die in diesem Bereich gewählte Direktkandidatin.

Mieterhöhungen um 50 Prozent drohen

Wobei Bundespolitiker in der Sache in der Tat eher wenig bewegen können. Denn das Studentenwerk, das auch für die Hochschulen Neubrandenburg und Stralsund zuständig ist, gehört zum Land, auch seine Finanz-Ausstattung ist Landessache. Doch Schwerin hat seit zehn Jahren die Zuschüsse nicht erhöht. Und so steht auch die dringende Sanierung des Greifswalder Problem-Wohnheims in den Sternen. Würde das Werk die Sanierung aus eigener Tasche bezahlen, müssten die Mieten um 50 Prozent steigen. „Für die ausländischen Studenten ist das nicht finanzierbar“, sagt Wohnheim-Tutorin Loai Elemam. Dass in dem Wohnheim in der Makarenkostraße im Problem-Stadtteil Schönwalde fast nur ausländische Studierende wohnen, hat in ihren Augen nichts mit einer „Ghettobildung“ zu tun, sondern damit, dass das muslimische Kulturzentrum und das Studienkolleg direkt nebenan liegen.

Kerstin Kastner kündigte bei ihrem Besuch jedenfalls an, das Studentenwerk solle sich mit Landes-Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) zusammensetzen, damit es endlich mehr Geld gibt.

Der Zeitpunkt könnte gut gewählt sein: Ein Problem mit ausländischen Studenten im Kanzlerin-Wahlkreis könnte sich im Wahljahr gerade bei der CDU niemand leisten, so das Kalkül des Studentenwerks.

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